Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Bücherschau.

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abgerissenen Stückchen erkennen wollen. George
Sauter begegnete ich zuerst in einigen Porträts bei
Schulte. Er ist von München seit kurzem nach
London übergesiedelt und singt nun von dort sein
Lied. Aber es ist ein Lied von merkwürdigem, tief-
wehmütigem, nervös angespannten Saitenspiel, welches
diese weiße Frauengestalt suggerirt. Etwas von
Whistler ist darin, aber keine Copie. Sie steht halb
in Rückenansicht und streicht, langsam und leise,
weitabgewandt, über die eine Saite, der Geige. Ich
bin überzeugt, es ist die E-Saite auf der sie spielt!
Der feine, zitternde Geisterton ist der dämmerigen
Teichlandschaft entnommen, die in zartestem Silber-
blau sich in der Ferne, duftig, nur innerlich gesehen,
ausbreitet. — Und diese zwei »Freunde", Porträts
von Künstlern, wie die ein tiefinnerliches Leben
haben, nervös bis in die Fingerspitzen! Der eine rot-
haarig, ehrgeizig, scharfdenkend, aber vornehm, wenn
nicht die Leidenschaft ihn trübt. Der andere, dunkel-
braun, ist Melancholiker, der sich, voll von innerem
Zweifel und nach Befreiung ringend, mit einer künst-
lerischen Frage an den älteren wendet. Sie sitzen
nebeneinander, so nach innen gewandt und nach-
lässig, ohne jeden Affekt und ein blondes Kind
blättert unbekümmert in einem Skizzenbuch auf
dem Knie eines älteren Mannes. Man muss das in
sich aufnehmen. Es verwischt sich nicht wieder.

Meinen Rundgang möchte ich mit dem Namen
eines geborenen Hamburgers abschließen, der in
Düsseldorf domicilirt: Carl Oehrts. Es sind neue
Arbeiten des Meisters, Aquarelle und Randzeich-
nungen zu dem alten, ewig neuen Thema „Amor",
geliehen aus Privatbesitz. Erfinderischer Humor
und Lieblichheit sind hier mit keuschester Reinheit
zu einem anmutigen Kranz geflochten, an dem man
sich nicht leicht satt sehen kann.

WILHELM SCÜÖLERMANN.

Nachtrag.

Ein Kunstfreund schreibt mir nachträglich Einiges
über die französischen Bilder, dem ich die folgenden
charakteristischen Bemerkungen entnehme:

„Die französische Abteilung enthielt vor allem
Bilder der Meister, die man in Deutschland immer
nennt, die aber nur wenige von Angesicht zu An-
gesicht kennen, weil sie in den Pariser Galerien nur
unzulänglich kennen zu lernen sind, wie z. B. Manet.
Die Ausstellung hatte von Courbet und Manet je drei
Bilder, von dem letzteren u. a. zwei Stillleben, die
zu dem Schönsten gehören, was er gemacht hat." —

„Monet (der Landschafter) beschickt weder die

französischen noch die deutschen Ausstellungen.
Man kann ihn nur in den Pariser Privatsammlungen
kennen lernen oder bei Kunsthändlern. Von ihm
war unter anderem ein herrliches Stillleben (Frucht-
stück) und eine wundervolle sonnige Landschaft da,
von der die jungen Künstler erklärten, das wäre das
schönste Bild, das sie überhaupt jemals gesehen
hätten." (!)

„Pissaro, Besnard, Quast, Zandomenighi, llarrison,
Pointelin, Lunois, Renoir, Henri Martin mögen noch
hervorgehoben sein."

„Im Ganzen haben wir in Deutschland neuer-
dings keine so eigenartige und gerade für den
Künstler interressante französische Ausstellung ge-
sehen und vielleicht auch keine, die dem Publikum so
wenig Spaß gemacht hat." —

Der letzte Satz hat sehr viel Wahrscheinliches!

W. S.

BÜCHERSCHAU.

Sehen und Zeichnen. Vortrag von Dr. Albert Heim, Pro-
fessor der Geologie am Polytechnikum und der Univer-
sität Zürich. — Basel, Benno Schwabe, 1894. 31 S. 8".
Alle wunden Punkte, die unsere moderne Mittelschul-
bildung durch Vernachlässigung des Zeichenunterrichts cha-
rakterisiren, streift dieser außerordentliche Vortrag, der bis
auf eine Stelle — die unhaltbare, übrigens mit aller Be-
scheidenheit vorgebrachte Ansicht über die Reform des Zei-
chenunterrichtes — ein wohlgefügtes, unerschütterliches
Ganze darstellt. Der beschränkte Raum lässt uns nur einige
Hauptpunkte herausheben. Für Heim ist das Zeichnen aus
der Erinnerung der beste Prüfstein, ob wir bewusst gesehen
haben oder nicht, und das Zeichnen nach der Natur ist die
Schule des bewussten Sehens oder des Beobachtens. Er ver-
gleicht den Maler oder Bildhauer, der das treue Natur-
studium vernachlässigt, mit dem Dichter, der willkürlich
Fehler im Versmaße macht, oder dem Musiker, der mitten
im Konzertstücke falsche Töne spielt oder nicht im Takt
bleibt. Der gebildete Blick muss im Kunstwerke studiren
können, wie in einer Schöpfung der Natur. Wem fällt da
nicht Dürer und Holbein ein? Der wahre Künstler muss
Beobachter sein, er ist Naturforscher, er lässt nicht ab von
seinem Lehrmeister und verletzt bei aller Phantasie nicht
die Naturgesetze. Nur das allseitige Verständnis des Gegen-
standes, das ins Praktische übersetzt heißt: von allen Seiten

■ zeichnen, sichert dem Künstler ein Bild, das uns ergreift
und fesselt, dasselbe mag sich an unser Gemüt oder unseren
Verstand wenden. Ist es nicht ein bedauerlicher Kultur-
rückschritt, dass gerade diese geistige Übung des bewussten

; Sehens beim Städter und besonders bei dem, welcher das
zur Hochschule führende Gymnasium als Erziehungsanstalt
besucht, so sehr vernachlässigt, ja dass geradezu systematisch
jede Anlage für das bewusste Sehen vernichtet wird?! Häufig
genug hat da der Wilde ein Plus vor dem gebildeten Kultur-
menschen voraus. Der Zornausbruch Heim's, der selbst
Universitätsprofessor ist, wird allenthalben Widerhall finden
und wird ähnlich an unseren Hochschulen zu Beginn eines
neuen Jahres immer wieder von den Lehrkanzeln der ver-

I schiedenen Disziplinen herab vernommen. Heim nennt das
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