Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Bücherschau.

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BÜCHERSCHAU.

Bernhard Berenson, Lormzo Lotto, An Essay in
constructive Art Criticism. London, G. P. Putnam's
Sons, 1895. XVII & 362 S.

In den letzten Jahren ist kaum eine Arbeit über
italienische Renaissancemalerei veröffentlicht worden,
die so wie die vorliegende den Eindruck voller Reife
erwecken konnte. Wer desselben Verfassers kleine
Schrift „The Venetian Painters of the Renaissance"
kennt, deren Erscheinen im vorigen Jahr gerechtes
Aufsehen erregte, — es liegt davon jetzt schon eine
zweite revidirte Auflage vor — wird dieses Buch
über Lotto nur mit den höchsten Erwartungen in
die Hand nehmen. Die Aufgabe war keine leichte
und das Ziel, welches der Verfasser sich gesteckt
hat, ist ein so hohes, dass nur wenige Kunstforscher
überhaupt es wagen dürfen, dasselbe ins Auge zu
fassen. Darum dürfte eine gerechte Würdigung des
hier vorliegenden Resultates weit umfassender gründ-
licher Forschungen auch nur denen möglich seiu,
welche in der Lage gewesen sind, in derselben Rich-
tung suchend und forschend zu arbeiten. Jedenfalls
müssen solche, welche zur Nachprüfung nur unge-
nügende oder gar keine Gelegenheit gehabt haben,
durch die reizvolle Behandlung ebenso neuer wie
wichtiger Probleme sich angeregt fühlen, in der vor-
gezeichneten Richtung selbst zu forschen. Das Buch
ist mit zahlreichen photographischen Reproduktionen
ausgestattet und enthält auch nach dieser Seite ein
reiches Material, wie es kaum irgend jemand zur
Hand hat. Aber man vergesse nicht, dass bei so
delikaten Fragen, wie sie hier behandelt werden, der
bloße Hinweis auf solche verkleinerte Abbildungen,
in welchen alles Charakteristische stark nivellirt
wird, nur denen als Anhaltspunkt bei kritischen
Untersuchungen dienen kann, welche mit den Ori-
ginalen vertraut sind und ihre Formgabe und Fär-
bung genau studirt haben.

Lotto galt bisher für einen Schüler des Giovanni
Bellini. Berenson stellt ihn uns dar als Schüler des
Alvise Vivarini, und niemand wird leugnen können,
dass er diese kühne Thesis mit Umsicht und Gründ-
lichkeit verfochten hat. Hierfür war allerdings nötig,
die künstlerische Individualität des letztgenannten
Malers bestimmter und tiefer zu fassen, als das bisher
geschehen ist. Die analytischen, zu diesem Zwecke an-
gestellten Untersuchungen führen zu dem überraschen-
den Resultate, dass die künstlerische Richtung dieses
jüngsten Muranesen von den beiden Beilini ganz
unabhängig war, ja dass Alvise die Bedeutung eines

Schulhauptes zukommt. Der Erweis des Zusammen-
hanges Lotto's mit Alvise führt zu Untersuchungen
über den Zusammenhang anderer bekannter Vene-
zianer, auch der Terra ferma mit demselben Meister.
Es fällt uns hier weniger leicht, den Hypothesen
beizustimmen, obwohl zugegeben werden muss, dass
alles gesagt ist, was sich zu deren Gunsten nur an-
führen lässt. Diese Voruntersuchungen füllen fast
ein Drittel des Buches. Niemand wird daran An-
stoß nehmen. Sie bilden das Fundament für die
Charakteristik Lotto's. Sie sind auch für sich be-
trachtet von unverkennbarer Wichtigkeit für die
Entwicklungsgeschichte der venezianischen Malerei,
für deren Beleuchtüng noch so wenig geschehen ist.

Lotto's Thätigkeit als Maler erstreckt sich über
beinah' ein halbes Jahrhundert. Für die chrono-
logische Anordnung seiner Werke bieten die Daten,
welche sich auf mehreren derselben neben den Sig-
naturen vorfinden, einen willkommenen Anhalt. Nichts-
destoweniger ist die Erfassung seines Entwicke-
lungsganges eine Aufgabe, welche mit ungewöhn-
lichen Schwierigkeiten zu rechnen hat. Die über-
aus sensitive Natur des Künstlers bewegt sich in
ganz anderen Geleisen, als sie die Mehrzahl seiner
Zeit- und Schulgenossen betreten haben. Mit einer
gewissen Plötzlichkeit wendet er sich zu Zeiten
neuen Stilformen zu und es fällt oft sehr schwer,
eine Erklärung dafür zu finden. Die Bestimmtheit,
mit welcher Berenson diese Probleme erfasst und
ihre Lösung versucht hat, gehört zu den schätzens-
wertesten Verdiensten der Arbeit. Bei Besprechung
des Altarbildes von San Bartolomeo in Bergamo
vom Jahre 1516 finden wir allerdings unsere Er-
wartungen nach dieser Seite bin nicht ganz erfüllt;
denn das Problem scheint uns hier " nur halb gelöst.
Aber in der hieran sich knüpfenden Besprechung
des Verhältnisses von Lotto zu Correggio scheint
mir in der Hauptsache das Richtige getroffen, ob-
wohl ich Berenson in der Zurückverfolgung gewis-
ser Motive auf Tura und Mantegna in den dort be-
regten Stilfragen nicht folgen möchte, weil mir eine
anderweitige Begründung naturgemäßer erscheint.
Volle Würdigung erfahren die Intarsien der Chor-
stühle in S. Maria Maggiore in Bergamo, deren
Kartons Lotto selbst ja so hoch schätzte, aber die
in mehr als einer Beziehung wichtigen allegorischen
Darstellungen werden mit der kurzen Bemerkung
abgethan: „Of all attempts known to me at symbo-
, lism in art, these come nearest to being profoundly
suggestive without ceasing to be artistic".

Lotto's neuentdecktes, aber noch nicht publi-
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