Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Besitz die Kopieen sich befinden, für das Werk nach-
gebildet worden sind.

Möge der verdiente Beifall, den das Werk sicher
bei allen Freunden mittelalterlicher Kunst finden
wird, die Urheber zu recht baldiger Fortsetzung des-
selben anspornen! C. v. L.

DIE AUSSTELLUNG ALTER BILDER IN
UTRECHT.

Düsseldorf, September 1894.
(Fortsetzung.)

Einer der interessantesten Meister, dessen nähere
Kenntnis uns die Ausstellung vermittelt, ist Wybrand
de Geest. Wem das imposante Frauenbildnis im
Hyks-Museum vorschwebt, wird sich den hier vor-
geführten Werken gegenüber zunächst enttäuscht
finden. Der Künstler ist eine Persönlichkeit, die
uns in jedem Betracht zur eifrigsten Nachforschung
anregt. 1590 zu Leeuwarden geboren, 1613/14 in
Utrecht, wahrscheinlich als Lehrling Bloemaert's,
bereist er bald darauf Frankreich und Italien und
spielt als der „Friessche Adler" in der Schilderbent
sicher eine hervorragende Rolle. In seine Heimat
zurückgekehrt, heiratet er 1622 Hendrickje ülen-
burgh, deren Schwester Saskia zwölf Jahre später
die Frau von Rembrandt werden sollte. Dass die
beiden Schwäger sich zu einander hingezogen fühlten,
lst nicht wahrscheinlich. Sie waren so zu sagen
künstlerische Antipoden. Ich stelle mir diesen
Wybrand als einen in seiner Art vornehmen Mann
aus guter und wohlhabender Familie vor, der mit
Zähigkeit an dem festhielt, was er in der Kunst
einmal gelernt und als gut erkannt hatte. Und er
hatte sehr viel gelernt; auch war er ja in Italien
gewesen und sah sicherlich mit Geringschätzung
auf den staubaufwirbelnden Müllerssohn aus Leiden
herab, der sich in seine Familie drängte.

Die verw. Baronin zu Schwartzenberg und
Hohenlansberg in Velp hat zwei männliche und zwei
weibliche Ahnenbildnisse von der Hand des Künst-
lers ausgestellt (65—68). Wir müssen doch an-
nehmen, dass die Urheberschaft de Geest's unbedingt
feststeht, wenn die Bilder auch nicht gezeichnet
sind. Der Katalog sagt: „Zijne (de Geest's) herde-
rinnen verraden een sterken invloed van Paulus Mo-
reelse." Und diese Bildnisse erst recht! Doch sind
sie den ähnlichen Arbeiten dieses Meisters durch
eigentümliche Frische und hellen Farbenreiz noch
überlegen. —

Beachtenswert sind zwei Stillleben von David

Davidsz de Heem, dem jüngeren, so gut wie unbe-
kannten Bruder des berühmten Jan. An der Echt-
heit der Bezeichnungen hege ich keinen Zweifel
(Museum Doornik, No. 81. — J. E. Goedhart, Am-
sterdam, No. 82.)

Mit welchem Rechte man ein Hühnerbild (Baron
von Hardenbroek, Driebergen) dem Gijsbert d' Hon-
decoeter zugeschrieben hat, vermag ich nicht zu
sagen. Ich glaube nicht, dass die Stilkritik für so
heikle Fälle ausreicht. — Von Gerrit Honthorst
bringt der Katalog 14 Nummern. Ein. lebensgroßes
Brustbild einer Dame aus dem Besitz der Königin-
Regentin scheint mir das interessanteste Stück zu
sein. Die Nummern 1.04 und 106 möchte ich dem
Guilliam (Willem) Honthorst zurückgeben, der bei
gleicher Namenszeichnung mit seinem Bruder oft
verwechselt wird. Übrigens ist Guilliam durch zwei
gute Bildnisse vertreten, wovon das eine W. Hont-
horst 1646 gezeichnet ist. (No. 111 u. 112, J. A. P.
L. Ram, Utrecht.)

In Horatius de Booch tritt uns ein bisher
seinen Leistungen nach unbekannter Künstler ent-
gegen. Sein hier ausgestelltes Bild (No. 113, 0.
Huldschinsky, Berlin) ist, wie der Katalog sagt,
»zijn eenig duidelijk gemerkt werk". Wenn an der
Signatur wirklich kein Makel ist, so begrüßen wir
in dieser schönen südlichen Gebirgslandschaft das
Werk eines tüchtigen Meisters, den aus der Ver-
gessenheit ins volle Licht zu ziehen eine dankbare
Aufgabe der wissenschaftlichen Forschung bleibt.
Ganz außerordentlich fein ist die Staffage, an Huch-
tenburgh stark erinnernd, aber pikanter und indi-
viduell.

Eine kleine Perle bietet A. Bredius in dem
von ihm ausgestellten, N. Knupfer 1654 bezeichne-
ten Bildchen (No. 121), welches den jungen Tobias
und seine Frau Sara im Gebet darstellt. Wenn
sich auch Knupfer hier nicht gerade als starker
Zeichner erweist, so tritt uns doch der innig em-
pfindende Künstler um so sympathischer gegenüber.
Der Engel, der den Bösen ausräuchert, ist von ent-
zückender Naivetät.

Das dem Dirck van der Lisse zugeschriebene
Familienstück (No. 127, A. de Jonge, Rotterdam,
„tot dusver toegeschreven aan C. Poelenburg") ruft
mir die beiden Bilder von Poelenburg und H.
Saftleven mit Darstellungen aus Guarini's pastor
fido im Berliner Museum, No. 956 u. 958, mit
denen es auch im Format nahezu übereinstimmt,
ins Gedächtnis. Die Zuweisung an Lisse halte ich
für gewagt. Dass das Bild etwas anderes darstellt,
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