Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Die Ausstellung von Werken Leipziger Künstler im Leipziger Kunstverein.

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entstellt, merkwürdig mit dem Mangel an koloristi-
schem Reiz kontrastirt.

Die österreichische Abteilung für Skulptur ist
sehr fein, meistens in kleinem Format. Zu nennen
sind Arthur Strasser mit einer Wasserträgerin, einem
indischen Priester und einem Fellakmädchen, Steplian
Schwarz mit Porträthüsten und Bronzestatuetten
(Faun und Bacchantin), Ludwig Dürnbauer, Edmund
Hellmer (mit einer Porträtbüste Schindlers) und
Victor TUgner mit einer lebensvollen Büste des
Komponisten Anton Bruckner.

Von der österreichischen Abteilung tritt man
mit einem Gefühl gehobener künstlerischer Befrie-
diguug und Harmonie in die italienische, hinein, wo
einem nicht so viel Angenehmes, recht viel Markt-
ware und hin und wieder so rechtes Brillantfeuer-
werk von Technik und Mache begegnet. Be-
sonders in den kleineren Bildern und Statuetten
ist dies bemerkbar. Sie sind alle recht geschickt
für den Verkauf hergerichtet und sagen mit viel
Koketterie: „Sind wir nicht reizend anzuschaunV"
Die „Kunststückchen" gehen über die Kunst und
das ist ein besonderes Zeichen der gegenwärtigen
italienischen Produktion. Welche Menge kleine
Bronzestatuetten! Eine schöne kräftige Marmor-
büste fiel mir auf, von Car. Giacomo Ginotii die „Petro-
Ißuse", ein kraftstrotzendes Weib von unbändiger
Wildheit. An Lieblichkeit und Grazie kontrastirt
damit die „Flora" von Francesco Jerace. Ercole Rosa
eine ernste Sammlung trefflicher Werke ge-

worunter die „Freies Cairoli (Modele du

hat
liefert

Monument au Pincio-Rome) und der Entwurf zu
einem Byron-Monument hervorragen. Andreoni,
Atitori, Chevalier Costantino Barbella, Guilio Branca,
David Calandra, Salvatorc de Simone, Vincenxo Jerace,
Adolfo Laurenti und a. m. leisten sehr Tüchtiges. —
Die Italiener excelliren im Pastell und Aquarell, so-
w ohl im Porträt als auch in der Landschaft. Francesco-
Paolo MichetU sandte eine ganze Wand voll über-
lebensgrosser Pastellköpfe mit sehr breiter Behand-
lung. Vorzüglich sind auch Erulo Eruli (La foi,
etude du vrai), Aristide Sartoris (Pastell und Guache)
und Casimiro Tomba, mit ganz fabelhaftem Können.
Impressionistisch arbeitet Giuseppe Casciaro; beson-
ders „Une terrasse" und „Rue de Vomero" sind
genial erfasst. — Die Ölmaler haben auch etwas
„Chiekes" in den kleinen farbenfrischen Genres, so
Ettore Cercone's „Lüne de miel," De Tommasi's „Reves
dores: ein sinnlich blickendes, liegendes Weib, kolo-
ristisch prachtvoll und „verblüffend" gemalt. Eine
ernstere Note schlägt Cesare Laurenti in dem grossen

Gemälde „Die Parzen" an. Die drei Schicksals-
göttinnen sind diesmal nicht „klassisch," sondern
realistisch aus dem Leben genommen und individuell
herausgearbeitet. Dabei ist ein koloristisches Meister-
stück geleistet worden, wie die italienische Malerei
in diesem ernsten Ton ihm nichts an die Seite zu setzen
hat. Giuseppe de Saudi*' „Esther" ist auch tüchtig,
sowie Francesco Mancini's „Fantaisie indienne". Paolo
Franceso Michetti's „Petits bergers" sind sehr fein in
Kolorit und Zeichnung, und reizende bijoux sind
die kleinen „Amüsements d'ete und Karnevalbild-
chen,: von Ricardo Fcllegrini. Einen humoristischen
Ton schlägt mit feiner Beobachtung Francesco Ricci
in seiner: „Ah, maudite vieillesse" an. Eine Alte
sucht einen Faden einzufädeln, was ihr, der nicht
mehr jungen Augen wegen, einige Schwierigkeit
bereitet. — im Ölbild sind die Landschaften nicht
hervorragend zu nennen, aber dieser Mangel wird
durch die virtuosen Aquarelle wieder gut gemacht.
Italien ist nicht mehr kirchlich, fromm und monu-
mental in der Kunst, sondern ein weltliches, mo-
dernes Land. Das spiegelt sich in den Bildern
wieder. Sie sind leicht und lebensprühend wie das
lustige italienische Volk. Sonnenschein und Lebens-
freude, Tanz und Spiel und sinnlicher Reiz ver-
bunden mit keckem Wagen und Formensinn geben
immer neue Überraschungen und bilden eine nie
endende Kette von äußerlichen Reizen. Gemüts-
eindrücke findet man ebenso wie in der modernen
spanischen und französischen Malerei seltener als in
der deutschen. Die romanischen Völker sind noch
heute vollendete Formalisten, statt der Vertiefung,
Innerlichkeit und Stimmung wird mit Eleganz,
Verstand und Geschmeidigkeit gearbeitet.

(Schluss folgt.)

DIE AUSSTELLUNG
VON WERKEN LEIPZIGER KÜNSTLER
IM LEIPZIGER KUNSTVEREIN.

Leipzig hat als Stätte der bildenden Kunst eine
schwierige Stellung zu behaupten: von Dresden und
Berlin wenig entfernt, kann das Interesse der ein-
heimischen Kunstfreunde nur immer ein doppelt ge-
teiltes sein und wer von den Leipziger Malern und
Bildhauern es nicht vorzieht, jenen beiden deutschen
Kunstcentren sich zuzuwenden, fällt leicht der Ver-
suchung anheim, in dem schöner gelegenen uud von
klassisch-romantischem Hauch durchwehten Weimar
die Stätte seiner Wirksamkeit aufzuschlagen. Dazu
kommt, dass Handel und Industrie, Wissenschaft und
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