Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Grundzüge für eine

Künstlerbibliothek.

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liehen großen Abbildungen antiker Skulptur werke
der Fall sein, in zweiter Linie bei manchen der
Bilder von Bauwerken, architektonischen Details und
Gemälden.

Die Hauptaufgabe der Wandbilder bleibt jedoch
die Benutzung beim Anschauungsunterricht. Der
Herausgeber hat sie dafür noch durch besondere
Vorkehrungen praktisch ausgestattet. Die Bildfläche
ist durch einen Überzug mit Lackfirniss geschützt.
Aufgezogen auf Pappdeckel mit Ösen (was die
Verlagshandlung auf Verlangen zu 1 Mk. das Stück
liefert), eignen sich die Bilder vortrefflich dazu, an
den Wänden der Schulzimmer serienweise aufgehängt
zu werden. So werden sich dem Geiste des Schülers
nacheinander mühelos- die Bilder der größten
Schöpfungen" der Kunst alter wie neuer Zeit ein-
prägen, als ein unauslöschlicher idealer Gewinn für
das Leben.

Für denjenigen Lehrer, der etwa den Betrachtern
der Wandtafeln die mannigfachen an die Bildwerke
sich anknüpfenden Fragen kurz beantworten will,
ist ein billiges Textbuch (von der Hand Dr. G.
Warnecke's) in Aussicht gestellt, welches mit der
Schlusslieferung erscheinen soll.

So haben wir hier in der That ein Werk vor
uns, das dem allseitig erkannten Bedürfnis nach
künstlerischer Bereicherung unseres Schulunterrichts
durch seine verständige Anlage wie durch seine
vorzügliche Ausführung in bisher unerreichter Weise
entspricht und als ein wahrer Schatz für die lern-
begierige Jugend rückhaltslos empfohlen werden
kann. C. v. L.

GRUNDZÜGE FÜR EINE KÜNSTLER-
BIBLIOTHEK.

Immer mehr drängen die Verhältnisse auf die Be-
gründung von Sonderbibliotheken neben den großen
allgemeinen, sei es staatlichen, sei es städtischen
oder Universitäts-Bibliotheken hin. Namentlich er-
heischen die Sonderinteressen bestimmter Berufs-
kreise solche Spezialbibliotheken. Haben sich schon
die Vertreter einzelner Wissenschaften zusammen-
gethan, um Bibliotheken zu begründen, die ihnen
das für sie nötige Material in der gewünschten Voll-
ständigkeit und zugleich in bequem zu benutzender
Art bieten, so tritt ein solches Bedürfnis bei den
Berufskreisen, die nicht gerade auf eine wissenschaft-
liche Vorbildung begründet sind, um so stärker
hervor. Denn in den großen Bibliotheken, die immer-
ruehr zu Magazinen werden, in denen das Hand-
werkszeug für die Wissenschaft aufbewahrt wird,

vermögen sie sich jetzt noch schwerer zurecht-
zufinden als ehemals. Gegenüber dem Aufschwung,
den die Volks- und Spezialbibliotheken in den eng-
lischen Territorien und besonders in Amerika, zum
großen Teil dank der Opferwilligkeit einzelner
Reichen, genommen haben, befinden wir in Deutsch-
land uns noch sehr im Rückstände. Hier und da
gibt es auch bei uns Stiftungen von Privaten, die
in wahrhaft vorbildlicher Weise organisirt sind: so
für das Gebiet der Handarbeiten die Lipperheidesche
Bibliothek in Berlin, für Musik die Musikbibliothek
Peters in Leipzig, für die Sozialwissenschaften die
Bibliothek der Gehe-Stiftung in Dresden u. s. w.
Doch herrscht noch im allgemeinen die Neigung
vor, die Benutzung der kleinen öffentlichen Biblio-
theken nach dem Muster der großen, bei denen eine
strenge Ordnung unvermeidlich und durch die Natur
der Sache geboten ist, gar zu sehr einzuengen;
während man sich doch sagen sollte, dass nur durch
die allergrößte Liberalität — wenn ihr auch einige,
immerhin leicht zu ersetzende Exemplare, zum Opfer
fallen sollten — die Ausnutzung einer Bibliothek
bis auf den wünschenswerten äußersten Grad ge-
steigert werden kann. Gebrauchsbücher sind nament-
lich in unserm papiernen Zeitalter zum Verbrauchen
da, weil sie jederzeit ersetzt werden können. Dem
Tagesbedürfnis dienende Bibliotheken sollten des-
halb auch weit mehr nach den Grundsätzen der
Leihbibliotheken als nach denen der großen wissen-
schaftlichen Bibliotheken eingerichtet sein und ver-
waltet werden.

Auffallend ist es, dass in unserer Zeit, die den
künstlerischen Bestrebungen einen so breiten Raum
gönnt, wie wenige Zeiten der Vergangenheit, noch
nicht daran gedacht worden ist, Bibliotheken für die
Künstlerschaft der einzelnen Orte zu schaffen. Wohl
gibt es an den meisten Kunstschulen, namentlich an
den Kunstakademien, mehr oder weniger große Fach-
bibliotheken; doch sind sie zumeist nur auf die Be-
nutzung durch die Schüler der betreffenden Anstalt
zugeschnitten, huldigen also dem alten Prinzip, dass
der Staat die Kunst vornehmlich durch die Regelung
des Jugendunterrichts zu fördern habe, während
sich doch mehr und mehr die Ansicht Bahn bricht,
dass er der Kunst am besten zu dienen vermöge,
wenn er ihr die zur Ausbildung der Talente nötigen
Hilfsmittel in reichlichstem Maße zur Verfügung
stelle, im übrigen aber sich aller Eingriffe nach
Möglichkeit enthalte. Zu diesen Mitteln gehört
fraglos eine allgemein zugängliche, den Künstler-
interessen dienende Bibliothek; und gerade in unsrer
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