Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Korrespondenz

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in möglichst helles Licht zu stellen. Darin wird
nun freilich das Höchste geleistet, ja von manchen
wird behauptet, sie hätten sich wie Münchhausens
Windspiele die Füße förmlich abgelaufen, um end-
lich einen Happen Gunst zu erschnappen. Dieser
Geist, wenn auch von manchem, sogar von vielen
im stillen mit Ekel angesehen, beherrscht die Situa-
tion. Seinem Einflüsse ist das Sinken des männ-
lich-mutigen Standpunktes in allen Dingen zuzu-
schreiben. Unmännlichkeit aber ist blutsverwandt
zur Verlogenheit und anderen schönen Eigenschaf-
ten. Darin liegt auch der Grund, weshalb anfäng-
lich die Sezession offiziell gehasst wurde. Dort gab
es Leute, die den Mut besaßen, öffentlich der Wahr-
heit das Recht zu lassen, ja der damals frisch als
Professor an die Akademie berufene Paul Höcker.
hatte das Herz, einen gegen das Ministerium des
Kultus (also gegen seine vorgesetzte Behörde) ge-
richteten Protest als Schriftführer zu unterzeichnen.
Das war männlich gehandelt und stand im schroffen
Gegensatz zu den Gepflogenheiten einer großen
Künstlerpartei, die man eigentlich nicht ihrem Be-
rufe, sondern ihrer kennzeichnenden Eigenschaft fol-
gend als die „Streberpartei um jeden Preis" bezeich-
nen mtisste. Auf Seiten der Genossenschaft wurde
damals die Gründung eines Genossenschaftsorgans
beschlossen und ausgeführt. Das Blättchen — es ver-
dient kaum diesen Namen, — erschien nicht lange.
Die Schwächen seiner Eltern traten in zu poten-
zirter Weise zu Tage; es litt am krampfartigen Pro-
testhusten und wurde zur Feier des fünfundzwan-
zigjährigen Bestehens der Genossenschaft endlich
begraben, nachdem die Agonie schon seit den ersten
Lebenstagen eingetreten war. Statt sich um Dinge
zu bekümmern, die am Platze gewesen wären, statt
die Mitglieder auf ihre Rechte (z. B. Autorrechte)
hinzuweisen, Tagesfragen zu erörtern, praktisch
Hand anzulegen bei der vielen Arbeit, die zu thun
wäre (wäre!!), fand man es für opportun, in den
Spalten dieses Blättchens einen Feldzug gegen un-
abhängige Geister zu eröffnen und damit sofort
den Beweis angeborener Schwäche für sich selbst
zu erbringen.

Das ist nun tot und vergessen. Man spricht
kaum mehr von dem zum Fenster hinausgeworfe-
nen Gelde, das bei der Genossenschaft überhaupt
eine große Rolle spielt. Manus manum lavat, heißt
es eben auch da. Wer aber wird Sanirung dieser
Verhältnisse zu bringen im stände sein? Die
Schwätzer nicht, die Streber erst recht nicht. Wer
bleibt übrig?

Präsident von Stieler hat sein Amt nach zwölf-
jähriger Dauer niedergelegt, aus Gründen privater
Natur, sagt man. Vielleicht überkam ihn das rich-
tige Gefühl, dass er mit denen, die er so oft hätte
leiten können, den Kontakt verloren habe. Wer
Künstlern präsidiren will, muss in ihrer Welt auf-
zugehen das Zeug haben. Stieler war als Präsident
der Genossenschaft stets ein Gentleman; künstlerisch
ist er durchaus bedeutungslos gewesen. Um intime
Fragen hat er, der Öffentlichkeit gegenüber wenig-
stens, sich nicht weiter bekümmert. Von Hause aus
Jurist, später, wie mehrere seiner Amtskollegen Pi-
loty-Schüler, war er der Rede in hohem Grade fähig
und hat mit geschickter Wendung gar oft noch ab-
geleitet, was im nächsten Moment hereinzubrechen
drohte. Er kannte seine Leute und wusste genau,
wie verworren es in den meisten Köpfen seiner
Schäflein aussieht, sowie es sich um klares, folge-
richtiges Denken handelt. Als Erscheinung war er
wie zum Repräsentiren geschaffen: ein stattlicher
Mann von verbindlichem Wesen, der in der eng-
gezogenen Grenze der Redeweise hoher Kreise voll-
ständig sich jederzeit wohl bewandert zeigte. Wenn
er einst seine Memoiren schreibt, so fangen sie
gewiss mit dem Motto an „Undank ist der Welt
Lohn". Vielleicht kommt er aber doch zu der Uber-
zeugung, dass individuelles Schaffen, und wäre es
noch so bescheiden, in den Resultaten mehr Be-
friedigung giebt, als äußerliche Ehrenzeichen, bei
deren jedem doch die Frage auftauchen muss:
Warum ?

Mit Stieler soll eine Reihe anderer Vorstands-
mitglieder gegangen sein. Ob es alle „ä jamais*
thaten? Sie zu ersetzen dürfte jedenfalls nicht schwer
halten, denn nun wird ein Buhlen losgehen um den
höchsten Sitz, wogegen die prächtigsten Wettrennen
pure Kinderspiele sind; weiter aber hat man es in
Sachen des Künstlertums beim Vorstande der Ge-
nossenschaft nie recht scharf genommen; es fragt
sich nur, wird und werden der und die Nachfolger
im stände sein, als Künstler ein Wort in die Wag-
schale zu werfen, oder werden jene vordringen, bei
denen das Sprechorgan das Auffallendste, Aufdring-
lichste des Individuums bildet, oder schließlich Leute
von jenem Schlage, die die Schablone des Bureau-
kratentums auch auf diesen Boden mit Erfolg zu
verpflanzen bestrebt sind? Vorhanden sind sie.

Alles möglich! Und was dann?
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