Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Erste internationale Ausstellung in Venedig. 1.

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und durch moderne Dame ganz in weißen Atlas mit
etwas Gold gekleidet vor uns. Kopf, Schultern, Leib
und Beine, alles in derselben Achse. Die beiden mit
langen Handschuhen bekleideten Arme fallen gleichmäßig
auf den Divan herab und werden rechts und links, etwas
entfernt vom Körper, leicht mit den Fingerspitzen auf-
gestützt. Der Hintergrund ist weißer Damast, welcher»
in der Mitte einen Einsatzstreifen von gelblicher Seide
aufsteigen lässt, von welchem sich das braune volle Haar
des kräftigen gesunden Kopfes mit bedeutender Wirkung
abliebt. Am Boden einige zerstreute Rosen. Die Meister-
schaft, mit welcher alles in dem Bilde vorgetragen ist,
besonders auch die Kühnheit, gewissermaßen Brutalität
im Ausdruck der Dargestellten, aus deren Zügen uner-
schöpfliche Lebensfülle und Kraft strahlen, sowie die
größten Vorzüge der Farbe machen das Bild einem
jeden, der die Ausstellung besucht, unvergesslich und
zu einem Hauptbilde nicht nur unter den Italienern,
sondern der ganzen Ausstellung.

Die Auffassung des „Weibes" wie sie hier uns
entgegentritt, scheint und droht beliebt zu werden, denn j
sie ist in mehreren weiteren Bildern der Ausstellung
vorhanden, wenn auch nicht mit so bezwingender
Kraft. — Im nächsten Saale werden wir dann später
dein Sensationsbilde der Ausstellung von demselben
Künstler begegnen. Doch betrachten wir zunächst, ohne
dem Strom zu folgen, der stets dies Bild zuerst aufsucht,
die übrigen Gemälde des ersten Saales.

Cesare Laurenti tritt uns mit einem großen in-
teressanten Temperabilde entgegen. Dieser fein empfin-
dende Künstler, — der uns früher durch die fröhlichen
hiesigen Volkstypen erfreute, der venezianisches Volk
in der Weise des Favretto uns vorführte, — sucht seit
neuerer Zeit die Schattenseiten des Lebens auf und stellt
sie mit gleicher Meisterschaft dar. Das Allegorisch-sym-
bolische wiegt bei ihm neuerdings vor. In dem gegebenen
Bilde, welches er die Parabel des Lebens nennt, tritt dies
mehr als früher schon in seinen in Mailand preisge-
krönten „Parzen "hervor. Jenes durch seinen abstoßenden
Bealismus ergreifende Bild ließ fast fürchten, dass ihm
alles Schöne, alle Lebensfreude abhanden gekommen
sei. Dass dies nicht der Fall, zeigt uns das neueste
Erzeugnis des feinfühligen Denkers unter den venezi-
anischen Malern. Das leicht skizzenhaft behandelte Ge-
mälde stellt in ungemein origineller Weise folgendes
dar. Vor einem einfachen ärmlichen Hause ist eine Holz-
altane fast zu ebener Erde angebracht, zu welcher zwei
Treppchen emporführen, die eine zur äußersten Linken,
die andere zur Rechten im Bilde. Von links her eilen
jubelnd kleine Kinder zu der Treppe; weiter oben bereits
erwachsene Mädchen; beim Eingang in das Haus, welches
eine Behausung Venezianischer armer Wirtsleute sein
könnte, wie die festlich geschmückte Thüre beweist,
küsst ein junger Mann sein Mädchen. Es folgen älter
gewordene Menschen, endlich Mütter und Greisinnen;

eine steinalte Frau an der Spitze, schreiten sie mühsam
und kummerbeladen die Treppe rechts herab. — Obgleich
man sich unwillkürlich der volkstümlichen Darstellung
auf einem alten Bilderbogen erinnert, der die „Stufen
des Lebens" darstellt, ist doch das ganze, mit latei-
nischer Unterschrift versehene Bild (diese werden jetzt
Mode) von außerordentlichem Interesse und sehr bezeich-
nend für die allermodernste Richtung der venezianischen
Kunst. In dem Bilde „Armonia verde" sucht derselbe
Künstler das Licht der Sonne auf grüner Wiese wieder-
zugeben in einer etwas absonderlichen Technik.

Nicht Eingeweihte waren sehr begierig, was der
vielgenannte Eüore Tito bringen werde. In seinen
zwei ausgestellten Bildern bricht er vollkommen mit
seiner früheren Geschmacksrichtung. Der Maler der
blühenden Kinder- und Mädchengestalten, der noch vor
einigen Jahren die Kunstfreunde entzückte, ist nicht
wieder zu erkennen. Er sucht mit stärkstem Willen
nach andern Zielen, nach dem licht, nach großer
breiter Behandlung; das Publikum hat ein Recht, erst
abzuwarten, wie sich das weiter gestalten werde. Zu-
nächst steht es seiner Fortuna, die fürchterlich beschwer-
lich sich am Schieben ihres riesigen Rades abquält,
noch kopfschüttelnd, die Damen verschämt, gegenüber.
In seiner Prozession, von welcher nur wenige lebensgroße
Figuren, die eben im Rahmen Platz haben, über eine Brücke
herabschreitend, ein kleines sogenanntes S. Giovannino
auf den Armen vorantragen, ist diese große Breite in
der Lichtmasso sehr interessant, aber befremdend gegeben,
und bildet den Gegenstand lebhaftester Kontroversen.
Mileai, in Deutschland gleich Tito wohlbekannt, giebt
in Rembrandtbeleuchtung und halblebensgroßen Figuren
das Innere einer jener armseligen hiesigen Werkstätten,
in welchen Rosenkränze angefertigt werden, wie immer
voller Kraft und Saft. E. v. Blaas erfreut durch eine
lehensgroße, wunderbar feine Venezianerin, die am Strande
stehend, aufs Wasser hinauslauscht und „ihn" zu er-
warten scheint. Ihre beiden am „Bigol" getragenen Körb-
chen mit Früchten und Blumen hat sie auf den Boden
gesetzt und stützt sich auf das Bigol in graziösester
Weise. Der Liebreiz der Figur ist natürlich den Rea-
listen ein Dorn im Auge. Es kann kein schärferer Kon-
trast gedacht werden, als zwischen diesem Bilde und
dem, wenn auch noch so feinen, Realismus des Toscaners
F. Sinti, von der großen hiesigen Nationalausstellung
her noch in rühmlichster Erinnerung. (Das damalige
Bild: „Tanzende Mädchen im Freien" wurde für die römische
Nationalgalerie angekauft.) Diesmal nennt er sein großes
Bild: „Die Parzen'1. Es ist eine mit dem zartesten
Realismns durchgebildete ländliche Scene. Ein junger
Bursche schäkert mit drei Spinnerinnen. Ein alter
Bauer am Boden ruht von seiner Arbeit aus. In einer
äußerst zarten auf einem Ruhebett ausgestreckten Mäd-
chengestalt, die er „Bice" nennt, sucht er mit unend-
licher Feinheit alle Effekte der Perlmuttermuschel wieder-
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