Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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gestürzten Icarus (ebenfalls nur Gyps). Einige gute
männliche Akte ließen sich noch anführen, die von feinem
eingehendem Studium zeugen. Ein großes tüchtiges
Grabmonument, wohl für Bronzeguss gedacht, spricht
durch Stilgefühl an und zeichnet sich darin als Unikum
aus. Es ist das Modell für das Grabmal des Erzbischofs
von Mailand, Möns. Calabiana von dem Bergamasken
A.Carminati. Auffassung und Ausführung sind vollkommen
dem Gegenstande entsprechend würdig und edel.') Fast
hätte ich unter den fremden Ausstellern den Franzosen
A. Bartholome vergessen. „Im Tode vereint" ist eine
in der Totenstarre vor uns liegende Familie genannt
Mann, Frau und, quer über diese Leichen hingeworfen,
die des kleinen Kindes. Alles nackt und vortrefflich ge-
macht. Sehr ergreifend durch die Buhe der Parallel-
lage der beiden Leichen der Eltern, aber ebenso ent-
setzlich durch den rücksichtslosen Bealismus. Unter dem
Wenigen von dekorativer Plastik ist der schöne Ent-
wurf zu einer kleinen Fontaine von Tilgner zu nennen,
und von dem in Bom lebenden Spanier M. Benlliure eine
sehr schöne bacchische Vase in Bronze auf Sockel von
carrarischen Marmor. Die Gegen- und Wechselwirkung der
beiden Materialien ist vortrefflich ausgenutzt. Die Aus-
führung außerordentlich zart und brillant, von großer
Wirkung. Auch muss eine genial hingeworfene kleine
Bronzefigur vom Maler F. Stuck genannt werden: der be-
kannte Athlet, der eine Kugel balancirt: Eine besondere
Gruppe der hier vereinigten Bildhauerarbeiten machen die
Arbeiten von Troubetzkoy, Bazxaro und F. Panzeri aus.
Es sind meist lebensgroße Gruppen und Einzelgestalten,
in raffinirtester Weise skizzirt, oft der Kopf allein aus-
geführt, alles übrige kaum angelegt. Für Manchen viel-
leicht das Interessanteste der plastischen Ausstellung.
Natürlich fehlen nicht jene Gypsgebirge, die um so
widerwärtiger in ihrer Brutalität wirken, je mehr Platz
sie einnehmen. Es bleibt uns nun noch übrig, einen
Blick auf die wenigen „Aquaforti" zu werfen.

Einer nicht zu rechtfertigenden alten Gewohnheit
gemäß kommen auch in diesem Bericht nun die Kadirungen
zuletzt; und doch ist in ihnen mehr Geist, Witz und
Kunstvermögen niedergelegt, als in gar vielen Bildern. —
Wir haben es hier mit einer kleinen aber sehr erlesenen
holländischen Ausstellung zu thun, welche nur 76 Num-
mern umfasst. Da sie jedoch nur ganz Auserwähltes
enthält, so gewährt das Betrachten derselben einen wahren
Genuss der edelsten Art. Mit den einfachsten Mitteln
giebt diese Kunst die Natur in großen Umrissen aufs
packendste wieder, wie dies in zwei Blättern von Storni
de's Gravesande zu Tage tritt. In dem einen ein Pfahl-
werk von den anströmenden Fluten gepeitscht, im anderen
ein Wrack. Die Darstellung des flüssigen Elementes
ist wunderbar gegeben. M. A. J. Bauer entzückt durch

1) Im vollen Ornate ist die Figur des Kirchenfürsten auf
dem Sarkophage ausgestreckt.

vier große Blätter, in welchen der erstaunliche Beich-
tum orientalischer Kostüme, orientalischen Lebens wieder-
gegeben ist. Welche Fülle der Erscheinungsformen in
dem Blatte „Ali Baba" genannt, da derselbe alle die
im Berge aufgespeicherten Berrlichkeiten der Eäuber
erblickt oder Makomet II. zu Pferde von St. Sofia
Besitz ergreifend. — In anderen Fällen kaben die Künst-
ler die maleriscken Effekte der Natur bei Sonnenunter-
gang oder nack demselben gesuckt und diese mehr er-
reicht als in den meisten Gemälden, wie z. B. in den
schönen Blättern von Koster, wo besonders ein Bohlweg
zwischen Gestrüpp entlang führend, in einem anderen
Blatte die Mauern Nürnbergs, oder Eothenburgs von
außerordentlicher Markigkeit des Kolorits und des pracht-
vollem Belldunkels dargestellt sind. Im Figürlichen begeg-
nen wir einfachen, zeichnerischen Meisterstücken, wo die
Schatten kaum angegeben, der ganze Nachdruck auf die
Kontur gelegt ist, wie in den beiden Männerköpfen von Jan
Veih, die geradezu an die besten Florentiner erinnern,
oder noch brillanter bei Ph. Zilclcen, in dem Porträt
einer jugendlichen Prinzessin seines Landes und dem-
jenigen des Paul Verlaine; oder es tritt uns die äußerste
malerische Pracht entgegen wie in der großen Eadirung
des Josselin de Yong, das Porträt der Königin von
Holland darstellend. Ferner sehen wir drei große
bewundernswerte Blätter des alten rüstigen Josef Israels,
wo in ganz außerordentlicher Breite und Größe des
Vortrages dargestellt ist, wie in einem eine Mutter ihre
Kinder in das Strandwasser führt und das Kleine sich
an einem Schifferhund ergötzt. In den beiden andern
Blättern je ein alter Mann am Kamine einmal sich
wärmend, das andere Mal die Pfeife anzündend. All
das fesselnd durch die virtuose Einfachheit und Größe
der Mache. — Hochinteressant endlich die im Malerischeu,
in Ton und Farbe am weitesten gehenden Badirungen
von Matthys Maris. Besonders das große Blatt nach
Millet: „der Säemann". Von welcher Meisterschaft die
Wiedergabe des mit einem Ochsenpaare pflügendenBauern,
der sich am Horizont löst!

Gar vieles wäre noch zu nennen, was nach den
genannten Sichtungen hin von Interesse ist. Doch be-
schränken wir uns darauf, die in einem besonderen Ka-
binett ausgestellten 15 Badirungen von IL Ilcrkomer
zu betrachten.

Haben sie mit allem, was der große Künstler uns
gegeben, dieselbe Anziehungskraft gemein, wie ver-
schieden sie unter sich sind! Wie rührend das Porträt
seines Vaters im Silbergrau des Alters, daneben das
prachtvolle Bildnis des Mr. E. Taylor, oder des Sir
Gilbert! In einer breiten an die ehemalige Schabmanier

' erinnernden Technik ausgeführt, die Herkomer erfun-
den. Wie wundervoll dann die mehr zeichnerisch be-
handelte Landschaft mit Fluss, da einem jungen Manne
die Fischangel zerbrochen, oder die reizenden kleinen

I Kiuderfigürchen. Es ist eine wahre Freude, dieses Ka-
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