Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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DIE ERZIEHUNO ZUM ARCHITEKTEN







Künstlerentwürfen ausgestellt sind. Abgesehen von
den schon erwähnten Gobelins von Larssen, Zorn und
Boberg sind hier sehr gute Arbeiten zu sehen von
Alf Wallander, Sigrid Hjerten, Beata Martensson,
Oscar Bergman usw. °

□ In der keramischen Industrie, welche in den
großen Ständen des mittleren Kuppelsaales ausstellt,
ist die Mitarbeit von Künstlern in ihrer guten Wirkung
zu beobachten. Die Erzeugnisse der großen keramischen
Firmen stehen auf voller Höhe dessen, was heute die
keramische Industrie leistet. q

d Von besonderem Interesse für den ausländischen
Besucher sind die ausgestellten, fertig möblierten
Arbeiterhäuser, Sommerhäuser und kleinbürgerlichen
Wohnhäuser. Hier zeigt sich in der Inneneinrichtung
bester Geschmack und in der äußeren Erscheinung
der Häuser tritt jene wohltätige Anknüpfung an die
alte schwedische bauliche Tradition zutage, von der
sich für die Weiterentwicklung des einfachen Wohn-
hauses das Beste erwarten läßt. Die Häuser bilden
in dieser Beziehung einen Gegensatz zu der Archi-
tektur der Ausstellungsbauten; einen Gegensatz, der
sich übrigens auch bei Beobachtung der allgemeinen
Bauverhältnisse in Schweden zu erkennen gibt.
Städtische Gebäude, Bankhäuser, öffentliche Gebäude
werden dort, wie überall, noch vielfach in dem Be-
streben, irgend einen zeitlich und örtlich entfernt

liegenden Stil durchzuführen, errichtet, wogegen in
der Villenarchitektur der zahlreichen, um Stockholm
aufsprießenden Vororte ein bewußter Anschluß an die
völkische Bauweise zu beobachten ist. Die erst-
genannte Kategorie von Bauten bekommt dadurch für
den Ausländer etwas Zufälliges und Uninteressantes,
da die Bauten ebensogut in Südfrankreich, Spanien,
oder von woher gerade ihre Stilmerkmale entnommen
sind, stehen könnten. Die zweite Gattung prägt die
Eigentümlichkeit und den Charakter des Landes aus
und steht im Zusammenhange mit dessen sonstigen
Kulturäußerungen. Es ergibt sich daraus ein gewisser
geschlossener Charakter von wohltuender Eindrück-
lichkeit, der den Bauten ihren zweifellosen Wert
verleiht. □

□ Wie in den anderen Ländern, so wird es auch
in Schweden die Aufgabe der ferneren Kunstentwick-
lung sein, die überlieferte Kunsttradition sorgfältig zu
behüten, ihre Formen aber nicht als Versteinerungen
zu betrachten, die von dem modernen Menschen
nicht verändert, sondern nur mechanisch reproduziert
werden könnten. Aufgabe der Gegenwart ist es, das
Überkommene mit neuem Geiste zu beleben. Der
künstlerische Geist der Zeit findet sich aber nieder-
geschlagen in den besten künstlerischen Köpfen der
lebenden Generation. Er braucht von dort nur ge-
hoben zu werden. n

HERMANN MUTHESIUS.

DIE ERZIEHUNG ZUM ARCHITEKTEN UND DIE ARCHITEKTUR-
ABTEILUNG AN DER KUNSTGEWERBESCHULE IN DÜSSELDORF

Von Wilhelm Kreis

SEIT mehr als zwölf Jahren, noch vor der Zeit des
Beginns der kunstgewerblichen neuen Bewegung,
machte sich auch in der deutschen Baukunst eine,
nacli einem künstlerischen Ausdruck für die neuzeit-
lichen Aufgaben strebende, vielerorts einsetzende Entwick-
lung bemerkbar, zuerst eine eng an die Tradition an-
schließende Münchener Bauweise, die mit den Namen
Q. Seidl, Hoclieder, Qrässel u. a. verbunden ist. Außerdem
ist in München seit Mitte der neunziger Jahre eine klassi-
zistische Bewegung in Erscheinung getreten, deren hervor-
ragendstes Werk Stucks Villa ist und die unter den talent-
volleren jungen Münchener Architekten, aber auch weit
über München hinaus, eine große Anzahl von Anhängern
aufweist. Stucks Villa hat überhaupt einen viel größeren
Einfluß auf eine strengere Architekturbildung, besonders
bei der Jugend der Architekten Deutschlands, ausgeübt,
als anfänglich angenommen wurde, da man Stucks Leistung
als einen persönlichen Eklektizismus hinstellte. Erst nach-
dem eine Anzahl hervorragender, insbesondere im Kunst-

gewerbe tätiger Architekten in die antikisierende Richtung
Stucks einschwenkten, ist der Bedeutung von Stucks Villa
mehr Beachtung geschenkt worden. Die Verwandtschaft der
jungen Wiener mit diesem Werk ist ebenfalls anzunehmen.
ü In Norddeutschland zeigte sich neben einer mit der
Münchener traditionellen Richtung parallel laufenden, gleich-
artigen Baukunst, die insbesondere durch Ludwig Hoff mann
verkörpert wird, eine auf die Monumentalwirkung einfacher
Konstruktionen hinzielende Richtung, welche teils in archi-
tektonischen Denkmalsbauten, teils in Warenhäusern und
dergleichen die Durchbildung neuartiger Bauorganismen
anstrebte. Die bedeutendsten Schaffenden waren hier wohl
Messet und Schmitz, und es beruht auch das, was heute
andererorts in der Bewältigung der großen neuen Aufgaben
geleistet wird, zum großen Teil auf den Anregungen und
organischen Architekturgedanken dieser beiden und weniger
anderer Vorkämpfer für eine neue Monumentalkunst. Eine
besondere Stellung nimmt auch die südwestdeutsche und
die Dresdener Architektur-Enhvichclung in Anspruch, welche
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