Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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DIE MOHAMMEDANISCHE AUSSTELLUNG IN MÜNCHEN



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ISLAMISCHE KUNST

ZUR »AUSSTELLUNG VON MEISTERWERKEN MUHAMMEDANISCHER KUNST* IN MÜNCHEN

Von Dr. Ernst Diez-Berlin

u

Seidenstoff mit dem Rapportmotiv eines persischen Kriegers, der einen

Gefangenen nachzieht. Bunt auf rotem Grunde. Persien, 1550—1650.

Aus der Sammlung Vignier, Paris

Dieses

Spitze

»Vom

Leben«

censeo

Kenner

BRIGENS ist mir alles verhaßt, was mich
bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu
vermehren oder unmittelbar zu beleben.«
von Nietzsche ausgehobene und an die
seiner zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung
Nutzen und Nachteil der Historie für das
gestellte Goethe-Wort sei auch das Ceterum
unserer Betrachtungen. Sie sind nicht für
und nicht für die »verwöhnten Müßig-

Kunstgewerbehlatt. N. F. XXI. H. 12

ganger im Garten des Wissens« bestimmt, denen
sie nichts Neues sagen können. Künstlern aber
und verständnissuchenden Laien würde eine ein-
leitende rein historische Würdigung einer völlig
auf anderen Prinzipien fußenden Kunst nicht den
gewünschten Nutzen bringen. Die Teppichkunst,
die Keramik, die Miniaturenmalerei, diese prangen-
den Früchte am Baum der orientalischen Kunst,
würden ausgepreßt doch nur eine fade Limonade
ergeben. So wollen wir sie hängen lassen und uns
damit begnügen, einige Blätter auszuschneiden, die
uns den vollen Genuß ihres Anblicks verwehren
könnten. □

D Denn das Studium oder besser die Kenntnis
der einschlägigen Disziplinen ist für den Genuß
von Meisterwerken der Kunst einer andern Rasse
durchaus nicht so unbedingt erforderlich, wie viele
Besucher der Münchener Ausstellung es sich gegen-
seitig versichern. Farben und Formen können
auch zum ungelehrten Auge sprechen, können es
erfreuen wie der Vogelsang, den auch kein Pro-
gram mbuch erläutert. D
□ Notwendig aber ist es, sich über die Prinzipien
einigermaßen klar zu sein, von denen eine Kunst
ausgeht, und über die Ziele, die sie verfolgt. Die
Künste zweier Rassen und Erdteile wollen von
verschiedenen Postamenten aus beurteilt werden,
und man darf die eine nicht zur Beurteilungsbasis
der andern benutzen. D
o Der Wesensunterschied der semitisch-orientali-
schen und der arisch-europäischen Kunst macht
sich den Besuchern der Münchener islamischen
Ausstellung halb unbewußt bald bemerkbar: Ver-
gebens sucht er in dieser Farbe sein Ebenbild,
den aus Stein oder mit Farbe plastisch gebildeten
Menschen. Kein Zufall, daß in München just das
eine Kabinett am meisten besucht ist, in dem Bilder
und Stiche von Fürsten, Land und Leuten aus dem
Orient hängen, Bilder, die natürlich von italienischen
und niederländischen Künstlern gemalt sind. Die

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