Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU







harmonischer Wirkung. Warum Shakespeares Dramen,
die für eine einfachere Bühne verfaßt sind, eine solche
immer wieder verlangen, das liegt in ihrem Stil, ihrer
dramatischen Technik begründet, während die Idee oft
genug — etwa im Hamlet, Macbeth — die denkbar modernste
ist und ebensowohl von glänzendstem szenischen Prunk
eingerahmt werden könnte, ohne unharmonisch zu wirken,
o Diese Erkenntnis, daß es auf den verschiedensten
künstlerischen Gebieten einheitliche Gesetze selbst dort

gibt, wo man sie nicht vermutete, ist nicht uninteressant.
Daß man einen Garten einrahmt nicht nach seiner »Idee«,
sondern nach seinem Stil, seiner Form und Gestaltung, ist
nichts Neues; aber bemerkenswert ist es, daß diese gleichen
Gesetze auch dort gelten, wo die Idee scheinbar das über-
mächtig Herrschende ist. Man ersieht daraus wieder, wie
in bildnerischen Dingen eben die Schauwerte über die
feinsinnigsten ideellen Beziehungen triumphieren. a

Dr. ALEXANDER ELSTER.



KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU







a Zur Geschichte der Glasmalerei in der Schweiz

liefert neuerdings der rühmlichst bekannte Direktor des
Schweizerischen Landesmuseums in Zürich, Dr. Hans Leh-
mami, wieder sehr wertvolle Beiträge. Gemalte Schweizer
Scheiben zählen ja bekanntlich in allen Museen und bei
allen Sammlern zu den begehrtesten, alten, kunstgewerb-
lichen Objekten, so daß zu deren Ruhm jedes Wort über-
flüssig ist. Aber immer ist es noch das 16. und 17. Jahr-
hundert, das nach der landläufigen Ansicht im Vorder-
grunde steht. Deshalb sind die Untersuchungen Lehmanns
so überaus wichtig, weil er durch die gewissenhafteste
Durchforschung der vorangehenden Perioden erst die einzig
richtige Grundlage für eine genaue Kennerschaft auf diesem
bedeutungsvollen Gebiete schuf. Seinen ersten Arbeiten
über die Anfänge der schweizerischen Scheibenmalerei bis
zum 14. Jahrhundert (1906) hat er bekanntlich in den
folgenden Jahren gründliche Abhandlungen über die ein-
schlägigen Verhältnisse im 15. Jahrhundert nachfolgen
lassen, zunächst in Zürich und in der Innerschweiz, in
Bern und Biel, ferner in St. Gallen, Schaffhausen und Basel;
und jetzt (1910) behandelt er Solothurn, das bischöfliche
Gebiet von Basel und die Grafschaft Neuenburg. Wenn
man, wie Lehmann, die Geschichte und Kulturgeschichte
seines Landes so im kleinen Finger hat, klären sich auch
die verworrensten Verhältnisse des ausgehenden Mittel-
alters und an der Hand der zuverlässigsten Literatur —
hauptsächlich sind damalige Verwaltungsurkunden, nament-
lich städtische Seckelmeister - Rechnungen herangezogen
worden — gewinnen wir interessante Einblicke nicht nur
in die allgemeinen Zustände, sondern vornehmlich in den
Betrieb alter Glashütten, z. B. den von Klus, und Werk-
stätten, in die Namen, Verhältnisse und Beziehungen alter
Glaser und Glasmaler, in die Bestellungen von Seiten
geistlicher und weltlicher Würdenträger und, was wir be-
sonders begrüßen, genaue Kenntnisse der Beschaffung der
Materiale und der Preise. Handelt es sich doch um Zeiten,
in denen die Fensterverglasung selbst im vornehmen Bürger-
hause noch keineswegs allgemein die Leinwand oder das
ölgetränkte Papier verdrängt hatte, in denen selbst unvoll-
kommenes Waldglas aus den Hütten des Badischen Schwarz-
waldes teuer war und gar farbloses >venediger glaiss« zum
allerkostbarsten gehörte; im Jahre 1464 werden z. B. vier
Zentner ohne Fuhrlohn für die damals sehr bedeutende
Summe von 34 Gulden bezogen, wozu noch die Kosten
der eigentlichen Verglasung, d. h. Verbleiung und Rahmung
kommen. Aber all dies ist für Lehmann nur die Grund-
lage für die Behandlung der G\asma/ereien, die auch in
Solothurn, im bischöflichen Basel und in Neuenburg nach
den Urkunden einen erheblichen Umfang einnehmen, aber
selbst nach den verhältnismäßig noch spärlich erhaltenen
Resten, von denen die tadellosen Abbildungen eine vor-
zügliche Vorstellung geben, volle Aufmerksamkeit ver-

dienen. — Man muß nur den lebhaftesten Wunsch aus-
sprechen, daß Lehmann, derzeit der beste Kenner alter
Glasgemälde der Schweiz, nicht erlahmen möge, seine ver-
dienstvollen Forschungen mit dem gleichen Eifer fortzu-
setzen und uns auch eine ähnliche Arbeit über das 16. Jahr-
hundert schenken möge, zu der keiner so berufen ist, wie er.

Pazaurek.

Otto Schubert, Geschichte des Barock in Spanien. 8. Band
der Geschichte der neueren Baukunst. Eßlingen 1908.
Paul Neff, Verlag (Max Schreiber). Preis geheftet 25 Mk.,
gebunden 28 Mk. □

□ Das vorliegende Werk ist von einem Architekten her-
gestellt und soll den Kunstgelehrten Material zur weiteren
wissenschaftlichen Verwertung bieten, vor allem aber den
Kunstgenossen Anregung schaffen. Der Verfasser ist also
nicht mit bestimmten ästhetischen Grundsätzen an eine
systematische Bearbeitung gegangen, sondern er hat den
Zweck verfolgt, durch Sammeln des vorhandenen Materials
in ein der Wissenschaft weniger zugängliches Ciebiet Licht
zu bringen, eine Methode, die schon sein Lehrer Cornelius
Gurlitt mit bestem Erfolg geübt hat. Aus diesem Plane
des Werkes ergab sich als erste Notwendigkeit die Be-
schaffung eines guten Illustrationsmaterials, das geeignet
wäre, die Angaben und Berichte zu belegen und als Be-
weismaterial zu dienen. Das ist nun dem Verfasser in
bester Weise gelungen, denn er gibt ungefähr 300 gute
Abbildungen im Text. Die begleitenden Erläuterungen
wachsen weit über den Charakter von einfachen Notizen
und Beschreibungen hinaus und geben in ihrem Zusammen-
wirken ein schönes und anregendes Bild der Barockzeit
in Spanien, für das man dem Verfasser aufrichtig dankbar
sein kann, zumal sein Werk eine schon oft empfindliche
Lücke aufs beste ausfüllt. □

Oskar Haebler, Stillehre für Pflanzen Verzierung und Ge-
webemusterung: 48 farbige Tafeln mit Text. In Mappe.
1909. Plauen i. V., Verlag von Christian Stoll. Preis
16 Mk.
a Haebler, der sowohl als Lehrer an der Königlichen
Webeschule, wie auch als Fachschriftsteller vorteilhaft be-
kannt ist, hat hier eine recht gute Anleitung zum Studium
der verschiedenen Kunststile gegeben, wie sie sich bei den
Völkern des Morgen- und Abendlandes in der Verzierung
der Fläche und der Textilien ausgedrückt haben. Wenn
wir auch von der Anwendung fremder Stile loskommen
wollen und auch immer mehr uns entfernen, so hat ein
solches Werk, wie das vorliegende, abgesehen von seinen
bleibenden wissenschaftlichen Vorzügen, auch einen guten
praktischen Wert. Es wird nämlich die Fabrikanten und
deren Angestellte vor mancher kunstlosen und gedanken-
armen falschen Anwendung fremder Stile bewahren, wenn
jene sich nur die Mühe machen wollen, an der Hand der
Haeblerschen Erläuterungen zu den von ihm gegebenen
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