Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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ARBEITEN DER KUNSTGEWERBESCHULE IN MAGDEBURG

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Klasse R. Rütsclii

H. Bcneke, Herrenzimmer

KUNSTGEWERBE- UND HANDWERKERSCHULE IN MAGDEBURG

MAN muß die Kunst und nicht das Muster lieben.«
Diesen Ausspruch Goethes, der neben anderen
am Neubau der Magdeburger Kunstgewerbe-
schule eingemeißelt ist, mag sich auch jemand zu Herzen
nehmen, der über Kunstgewerbeschulen urteilen will, ins-
besondere, wenn eine Ausstellung von Schülerarbeiten ihm
hierzu die Veranlassung gibt. Ist es doch die Gepflogen-
heit mancher Schulen, längere Zeit vorher ihre Schüler
auf die Ausstellung hinarbeiten zu lassen, oder in ihr das
ausgesucht Beste zur Schau zu stellen, was die Schule im
Laufe des Jahres hervorgebracht hat. Während man die
erste Methode verurteilen muß, lassen sich für die zweite
wohl Worte der Erklärung, ja der Entschuldigung finden.
Der Kritiker wird sich aber weder durch die eine, noch
durch die andere Methode beeinflussen lassen, und er
wird bald lernen, nicht nur die ausgestellten Schülerarbeiten
zu betrachten, sondern unter ihnen den Pulsschlag der
ganzen Schule und die Gesinnung des Leiters zu empfinden.
Dies lernt man bald, wenn man öfters Gelegenheit hat,
Schulen auch im Betriebe zu besichtigen und miteinander
zu vergleichen. □

n Ich will es gleich vorweg nehmen, daß die Ausstellung
der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in Magdeburg,
die im Mai dieses Jahres veranstaltet wurde, nichts von
einem »Blender« an sich hatte, sondern daß im Gegenteil
die Leitung im Bewußtsein ihrer anerkannten, durchschnitt-
lichen Qualität stolz genug gewesen war, auch solche
Arbeiten auszustellen, mit denen sie selbst nicht ganz zu-
frieden war, die aber den Lehrgang und dessen Werden
gut charakterisieren konnten. o

d An sich haben alle Schulen die gleichen Vorbedingungen,
indem das »Schüler-Material« überall beinahe dasselbe ist:
junge, frische Menschen, die sich danach sehnen, ihre
Augen und Hände rühren und nach einem Ausdruck ihres
noch unbewußlen Innenlebens ringen zu dürfen. Ich sage

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mit Absicht: SchiWer-Maferia/; denn ist's im Grunde nicht
ähnlich, jungen Menschen zur Entwicklung und Hervor-
kehrung ihrer Persönlichkeit zu verhelfen, als irgend einen
wertvollen Rohstoff, ein edles Metall durch verständige
Behandlung, durch leisen Druck und vieles Wenden und
Klopfen dahin zu bringen, daß die volle Schönheit seines
inneren Wertes uns sichtbar werde? Mit zielbewußter Ge-
duld muß man das werdende Geschöpf wechselweise der
Einwirkung der verschiedenen Werkzeuge, der lehrenden
Gehilfen unterstellen, damit es sich organisch entwickle.
Jede unweise Anwendung von ungeduldigen Gewalt-
märschen, von ätzenden Säuren ist sorgfältig zu vermeiden;
man kann damit wohl ein frühzeitiges Scheinresultat er-
reichen, aber es rächt sich bitter, da das vergewaltigte
Material« nicht reif genug ist, vor dem Leben seine ihm
erzwungene Stellung zu behaupten, den Einflüssen der
Witterung standzuhalten. Letzten Endes liegt also alles
an der Ehrlichkeit und geduldigen Hingebung des Hand-
werkers, des Schulleiters. Auch er liebe »die Kunst und
nicht das Muster«. 0

o Diese Liebe und Hingebung hat Herr Professor E. Thor-
mahlen in den ungefähr anderthalb Jahrzehnten, in denen
er die Magdeburger Anstalt leitete, bewiesen. Er hat in
Zeiten, in denen die Kunstgewerbeschulen schon nahe
daran waren, auf den Sand oder in die Abhängigkeit von
den Fabrikanten zu geraten, ein bescheidenes, aber klares
Programm aufgestellt und ist ihm bis auf den heutigen
Tag treu geblieben. In der bösen Konfliktszeit z. B., zu An-
fang dieses Jahrhunderts, als im Jahre 1900 die obligatorische
gewerbliche Fortbildungsschule errichtet wurde und man
von vielen Seiten versuchte, die fortbildungsschulpflichtigen
Lehrlinge ohne Ausnahme dem Zeichenunterricht der Hand-
werkerschule zu entziehen, bestimmte der Direktor, daß
alle fortbildungsschulpflichtigen Lehrlinge, welche die Hand-
werkerschule besuchen wollten, hier mindestens fünf Stunden

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