Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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E

DER SCHRIFTKURS IN NEUBABELSBERG

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BILDER-
RAHMEN UND
BÜHNEN-
RAHMEN

EINE VERGLEICHENDE
BETRACHTUNO

K

'UNSTLER wissen,
wie schwer es ist,
für ein Kunstwerk
den richtigen Rah-
men zu schaffen. Und das
ist mehr als bloße Ge-
schmacksache: es ist der
Ausdruck eines tief inner-
lich im Kunstwerk liegen-
den Gesetzes, und deshalb
ist das Problem kein iso-
liertes für Bilderrahmen,
sondern in gleichem Maße
wirksam für jede Kunst-
form, in der ein Rahmen
für eine Idee gesucht wird,
— also für Bühnenbilder,
ja sogar schon für die dich-
terisch-bildnerische Einfas-
sung einer dramatischen
Idee. Es ist in allen diesen
Fällen das gleiche Grund-
legende: unter der Decke
der Erscheinung des ge;
malten oder des Bühnen-
bildes ist die Idee wirk-
sam geworden; zu dieser
Idee soll der Rahmen
stimmen, aber auch zu der
äußeren bildlichen Form-
gebung soll der Rahmen
stimmen. Diese Doppel-
forderung hat zu wunder-
lichen Auswüchsen im Bil-
derrahmengeschäft geführt.
Ich habe da einen Katalog
vor mir für künstlerischen
Wandschmuck, auf dem
wahre Orgien geschmack-
losen Einrahmens gefeiert
werden. Fast jedes ein-
zelne Bild hat seinen Ori-
ginalrahmen, der reich ver-
ziert ist und dessen Ver-
zierungen die Idee des
Bildes fortzusetzen be-
stimmt sind. Für Land-
schaftsbilder hat man da Rahmen gewählt, die selber mit
Bäumen, Blumen, Sträuchern verziert sind, und sogar mit
blühenden, obschon der Rahmen auch für eine Winter-
landschaft bestimmt ist. Dieser Sonderfall sollte schon das
Widersinnige solcher Manier zeigen, aber weit gefehlt,
scheint er nur zu noch größeren Exkursen ins Reich des
Bizarr-Formlosen verführt zu haben. Wenn von Musika-
lischem auf dem Bilde die Rede ist, nähert der Rahmen
sich der Form einer Lyra, wenn das Bild vom Frieden
handelt, ziert den Rahmen ein Palmenzweig usw. Das

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Pergamenttafel, geschrieben von \V. Hikler in Hildesheim

Handgreiflichste des Bildes, das jeder auch ohnedies ver-
steht, wird auf dem Rahmen noch einmal betont. Auf-
dringlich ist das. Aber noch mehr: es ist auch töricht,
es nimmt eine Idee des Bildes und unterstreicht sie zum
Schaden der übrigen Ideen, die in dem Bilde außerdem
lebendig sind. Und noch mehr: es ist geschmacklos; es
zeigt die ganze Unfähigkeit, das Bildhafte durch den
Rahmen hervorzukehren, es erniedrigt die darstellende
Kunst, indem es einen Punkt des Bildes zum Programm-
punkt vergewaltigt und die Harmonie der ganzen Kon-

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