Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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DAS NATURALISTISCHE ORNAMENT

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betrieben. Niggs Schüler zeigen alle in der buchgewerb-
lichen Flächenkunst eine verblüffende Sicherheit. Es liegt
diesem Lehrer besonders gut, die technischen und ge-
schmacklichen Bedingungen der kompositionellen Illustra-
tionskunst zu vermitteln; auch gibt er im Holzschnitt und
in der Behandlung textiler usw. Hilfsmittel (Linoleumschnitt)
gute Anleitung. In der Textilklasse steht ihm Frl. Seydel mit
feiner Sach- und Farbenkenntnis zur Seite. — In architek-
tonischer und ornamentaler Formenlehre unterrichtet nach
recht origineller aber wirksamer Methode R. Putscht, dessen
Abteilung für Entwerfen kunstgewerblicher Metall- und Bild-
hauerarbeiten im neuen Gebäude erst richtig aufleben soll;
ferner lehrt Rütschi Architektur und Raumausstattung; die
ausgestellten Entwürfe zeigten in Form und Farbe einen
strengen Aufbau und konsequente räumliche Gliederung. —
Bei F. von Heider machen die Schüler Skizzen nach der Natur
und keramische Entwürfe und Ausführungen in den verschie-
densten Techniken, von denen recht gute Proben ausgestellt
waren und auch hier veröffentlicht werden. — Amüsant
sind die geschmacklichen Anleitungen für Tapezierer, denen
in der Klasse E. Thieme die zu verschiedenen Hölzern von
Inneneinrichtungen passenden Farben und Muster von
Tapeten, Teppichen und Vorhängen usw. vorgeführt wer-
den. — Am meisten interessierten mich die Pflanzen- und
Tierstudien in der Klasse Prof. Bernardellis, über die ich
etwas ausführlicher berichten möchte, indem ich kurz die
Grundsätze dieses Unterrichts zitiere, wie sie der Künstler
selbst mir erläuterte. Prof. Bernardelli äußerte sich unge-
fähr folgendermaßen über seine Methode: o
o »Es gilt herauszuholen, was in der Natur steckt. Zeigt
man dem Anfänger ein Naturgebilde, so ist er in der
Regel befangen von der Fülle der ihm entgegentretenden
Erscheinungen oder gelangweilt durch die ihm nichts-
sagende Alltäglichkeit. In beiden Fällen weiß er nichts
damit anzufangen. Er muß also sehen lernen, das Wesent-
liche sehen lernen. Zu diesem Zwecke ist es gut, viel zu

zeigen. Viele Exemplare gleicher Art lehren das Zufällige
vom Typischen scheiden. Das Typische der Form erst bringt
uns dem Bauplan näher, näher ans geheime Gesetz. Dem
Gesetzmäßigen, Planmäßigen im Organismus aber gehen
wir nach. Die auf gewisse Grundlagen zurückzuführende
äußere Gestaltung, ihre bis ins kleinste durchgeführte
Formeneinheit und proportionale Gliederung, die aus den
verschiedensten Umwandlungen so klar ersichtliche Zweck-
mäßigkeit, alles Dinge, die Meurer zuerst zusammenfassend
von der Pflanze betonte, sind zu gute Lehrmeister für das
sich entwickelnde Formgefühl. Wie die Raumteilung der
Blattflächen, so muß die Architektur eines Stempels oder
irgend einer anderen Plastik der Pflanze wirken auf empfäng-
liche Sinne. Welche Wunder planmäßigen, gesetzmäßigen,
organischen Wesens treten uns erst gar in den tierischen
Körpern entgegen! Nach ernstem, wirklichen Studium be-
greift sich schließlich jene zusammenhängende, restlose
Harmonie der Organismen als Resultat innerer Notwendig-
keit. Jene aber ist es, die wir sehen müssen. Jedoch
nicht nur die Harmonie der Formen, auch die der Farben
lehrt uns die Natur. Sie zeigt uns starke, reine Farben.
Sie zu erkennen, unter Ausschaltung alles Nebensächlichen
herauszubringen, gilt es gleichfalls. So verstanden, gut
gezeichnet, gut in Farben, aber schlicht und einfach sei
endlich die Wiedergabe des Gesehenen. Taugen Form
und Farbe nicht, so bleibt die Wirkung aus. Die Einfach-
heit läßt am besten den Grad der Wirkung prüfen, und
am Einfachen wiederum erzieht sich am ehesten der für
die Vorstellung so unerläßliche Geschmack.« a

o Wenn Direktor Prof. Thormählen, den man in Magde-
burg ungern scheiden sieht, im Herbst das Direktorat der
Kölner Kunstgewerbeschule übernimmt, so darf man aus
seiner bisherigen Tätigkeit schließen, daß er auch diese
Anstalt, mit der es bisher noch sehr im Argen liegen soll,
bald höher heben wird.

FRITZ HELLWAG.

DAS NATURALISTISCHE ORNAMENT*)

Von Karl Widmer-Karlsruhe

VON allen sachlichen, nach dem Inhalt getrennten
Gruppen des Ornaments hat diejenige, die aus der
reichsten Quelle schöpft, auch die reichste Entwick-
lung. Es ist das Naturornament, das dem Formen-
kreis der organischen Schöpfung angehört; das Pflanzen-
und Tierornament und die menschliche Figur. Das Natur-
ornament ist auch der eigentliche Träger des Gegensatzes
zwischen Stil und Naturalismus, und neben der den Archi-
tekturformen entlehnten Ornamentik der wichtigste Aus-
druck aller auf das Ornament gegründeten Entwicklungs-
gedanken. Auch die Bewegung, aus der das neue Ornament
als erster Versuch einer modernen Stilentwicklung hervor-
gegangen ist, setzt mit dem Naturornament ein. □
o Diese Bewegung hat von Haus aus eine antihistorische
Tendenz. Man sucht das Problem des »neuen Stils« zu
lösen, indem man sich von der historischen Ornamentik
lossagt und unmittelbar zur Natur zurückgreift. So wird
das Ornament zunächst der Ausdruck eines entschiedenen
Bruchs mit der Vergangenheit, und man empfindet den
Gegensatz zur Stilrekonstruktion der historischen Schule
als den treibenden Kern der Bewegung. So betont auch

*) Mit Erlaubnis des Herrn Verfassers bringen wir hier
ein Kapitel aus seiner demnächst erscheinenden, umfang-
reicheren Arbeit »Das Ornament und seine Bedeutung in
der Kunst der Gegenwart« zum Abdruck. Red. n

Eugene Grasset, einer ihrer Hauptvorkämpfer in Frankreich
in seinem epochemachenden Vorbilderwerke »La plante et
ses applications ornamentales« (Paris 1896) in erster Linie
die Forderung, mit der Nachahmung der »toten Stile« auf-
zuhören: »qu'on cesse de copier les siecles morts qui n'ont
rien ä nous dire ... en abandonnant toute copie des Orna-
ments d'un autre age«.

D Freilich wollte Grasset damit einem unbedingten Natu-
ralismus ebenso wenig das Wort reden wie einer völligen
Negierung aller Ergebnisse, die uns die künstlerische Kultur-
arbeit früherer Jahrhunderte überliefert hat. Er ergänzt
seine Forderung, zur Natur zurückzukehren, durch die
zweite, die Naturformen zu stilisieren: »modifiees de facon
ä s'adapter etroitement ä la mattere dans laquelle elles
sont fabriquees«. Jedoch hat er damit nur einen von den
Faktoren der Stilisierung herausgegegriffen. Gerade in
Frankreich hat die neue Bewegung der künstlerischen
Freiheit einen weiten Spielraum gelassen; hier ist sie auch
im wesentlichen beim Naturalismus stehen geblieben. o
□ Als gegen Ende der achtziger Jahre des neunzehnten
Jahrhunderts die Lossagung von der historischen Orna-
mentik — zunächst im Kunsthandwerk — begann, spielte
sich in der Geschichte des Ornaments eine ähnliche Re-
volution ab, wie im Mittelalter am Anfang des dreizehnten
Jahrhunderts. Damals brach die Frühgotik — wieder ist
Frankreich das führende Land — mit dem aus der Antike

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