Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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DIE FRAU ALS KÄUFERIN







beitslohn, die böhmische Ware begreift aber in den 38 M.
Arbeitslohn, Material, Fracht, Zoll, Unternehmer- und
Zwischenhändlergewinn. In einem deutschen Fachblatte
der Holzverwertung wurde vor einiger Zeit behauptet,
daß der Festmeter Buchenstammholz im Walde mit 24 bis
28 M. bezahlt werde und daß aber die fertigen Holz-
drehereien zu Preisen verkauft würden, zu denen sich aus
dem Buchenholze kaum Kantein, d. h. rohe Holzscheite,
herstellen lassen. So drückt die Konkurrenz in wirtschaft-
lich rückständigen Gegenden auf den Arbeitsmarkt und
natürlich auch auf das allgemeine Lohnniveau der einstigen
exklusiven Kunsthandwerker, der Drechsler. °

□ Eine von der Zentralkommission der im Holzarbeiter-
verbande organisierten Drechsler aufgenommene Statistik
hat über die Lohnhöhe der Drechsler folgende Ziffern er-
mittelt. Der durchschnittliche Wochenlohn betrug: q
1890 1892 1893 1897 1903
17,93 M. 16,82 M. 16,77 M. 18,80 M. 19,31 M.
d Nun sind freilich Durchschnittslöhne immer nur sozial-
theoretisch zu verstehen. Sie werden durch die geschil-
derten Umstände, durch das Überwiegen der ungelernten
Arbeiter und der immer mehr zunehmenden, schlecht be-
zahlten weiblichen Arbeit erklärt. Auch durch die Lehr-
lingszüchterei, die bei der ausschließlich kleingewerblichen
Verfassung einiger Drechslerbranchen leicht zu verstehen
ist, wird das Lohnniveau tief heruntergedrückt. Bei den
Holz- und Kunstdrechslern in Wien waren z. B. 190S

482 Gehilfen und 368 Lehrlinge beschäftigt. Aber es sind
doch nur wenige Branchen, die auskömmliche Löhne be-
ziehen, z. B. die in Werften beschäftigten Drechsler, die
aber wohl mehr Metall- und Modelldrechsler sind. Ihrer
sind es aber so wenig, daß sie die Durchschnittslöhne nicht
wesentlich heraufschrauben können. Wie es im Erzgebirge
aussieht, möge an folgenden Ziffern ersehen werden. Es
werden dort nicht nur Spielwaren, sondern auch technische
Artikel und Möbelbestandteile gedreht. Da ist in einem
Betriebe der niedrigste Lohn für die Woche 10 M., der
höchste 15,10 M. In Deutsch-Neudorf gibt es zwei Betriebe,
in denen 37 Dreher beschäftigt werden; sie haben eine
tägliche Arbeitszeit bis zu 18 Stunden und ihr Verdienst
beläuft sich auf 12—25 M. in der Woche. Kaum glaub-
lich ist es, daß unter diesen Verhältnissen und bei diesen
Löhnen die Arbeiter auch noch das Werkzeug (was immer-
hin dem althergebrachten Dampfgeld entspricht) — und
aber auch das Material selbst stellen müssen! Wir sehen,
wie hier immer noch die alte Form des selbständigen
Drechslers, der beim Kapitalisten, dem Besitzer der Be-
triebskraft nur Arbeitsplatz und Arbeitskraft gemietet hat,
durchblickt; aber aus dem selbständigen Drechsler ist
längst ein Lohnsklave geworden, dessen einziger Trost es
vielleicht ist, nicht zu wissen, wie ihm diese industrielle
Entwicklung mitgespielt hat. a

o So hat sich das einstige Kunsthandwerk der Drechsle1-
verändert. HUGO hillig.

DIE FRAU ALS KÄUFERIN

Von Ernst Schur-Berlin

DAS moderne Kunstgewerbe,das sich anschickt, unsere
ganze äußere Kultur nachhaltig umzugestalten, rech-
net stark auf den Einfluß der Frau. Ihr erwächst
also die Aufgabe, sich über die Tendenzen dieses
neuen Kunstgewerbes zu orientieren. Das ist heutzutage
nicht mehr schwer. Auf Schritt und Tritt begegnet ihr
das Neue und ohne daß sich der Einfluß kontrollieren läßt,
ändert sich der Geschmack des Publikums. Mannigfache
Ausstellungen wirken orientierend; die Auslagen der Schau-
fenster belehren über die Veränderungen, die mit unseren
Anschauungen, unserem Geschmack vor sich gegangen
sind. °

d Die Frau hat in dieser Beziehung eine Machtstellung,
die ihr Verpflichtungen auferlegt. Einmal, indem sie ein-
kauft und also auswählt; dann, indem sie, traditionsgemäß,
einzelne Dinge für das Heim selbst anfertigt. o

o Der Frau wird meist die Aufgabe zufallen, die Woh-
nung im Innern auszugestalten. Die Wohnung wird uns
überliefert; die Möbel kaufen wir. Wir haben da eine
Macht in den Händen und darum sei davon geredet.
Die freie Konkurrenz stellt uns eine Auswahl zur Verfü-
gung; je nach unserem Geschmack, unseren Absichten ent-
scheiden wir. Daher soll sich der Einzelne unterrichten,
was die neue Raumkunst will, damit er sich daranbilde
und wisse, was gut und schlecht sei. Es ist in die Hände
der Konsumenten eine Macht gelegt, die nicht zu unter-
schätzen ist. Wenn das Publikum sich dieser Macht be-
wußt wird und sie nährt, kann es einen erheblichen Ein-
fluß auf das Werden der neuen Kultur ausüben. □

□ Denn des Fabrikanten wie des Spekulanten ständiges
Wort, wenn man ihm von Geschmack und Kultur redet und
auf seine geschmacklosen Erzeugnisse hinweist, ist immer:
Das Publikum will es so; er will uns glauben machen, er
würde ja gern die wunderschönsten Sachen fertigen, aber es
kauft sie niemand. Aber den Schund, den kaufen sie. Nun,
es ist seltsam, daß der Fabrikant ein so nachgiebiger Charak-
ter zu sein behauptet. Sieht man näher zu, so ist es sein
Geschmack, den er maßgebend sein läßt. Weil die Sachen,
die er anfertigt, ihm gefallen, darum befürwortet er ihre
Produktion. Er liebt die Dinge, die aussehen, als wären
sie aus Leder und dabei sind sie aus gepreßtem Papier.
Natürlich, je weiter man in die Massen hinunter steigt,
um so wohlfeiler wird das Geschäft. Aber ein Fabrikant
sollte auch ein Empfinden für seine Kultursendung haben.
Er soll seine Materialien schätzen und ihnen Freunde zu ge-
winnen suchen. Er soll Achtung haben vor tüchtiger Be-
arbeitung und ihr Geltung erringen. Er soll wissen, daß
nicht er den Geschmack, den Stil eines Dinges, die Form
seiner Erscheinung bestimmt, sondern der Künstler. Darum
soll er sich von Künstlern beraten lassen, mit ihnen arbeiten,
sich von ihnen entwerfen lassen, was er auf den Markt
bringt. Die Industrie kann so ehrlich und achtunggebietend
sein wie früher das Handwerk. o

□ Doch das ist Zukunftsmusik. Aber das gebildete Pu-
blikum kann auch hier einwirken; es ist eine Macht, so
wie es sich über die Bestrebungen des modernen Kunst-
gewerbes klar wird, sie betont und durchsetzt. Es hat
vielleicht von vornherein keinen Sinn für technisch solide,
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