Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

Page: 157
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstgewerbeblatt1910/0166
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU

157

Je mehr man sich vergegenwärtigt, daß nur die wirk-
lichen geistigen Führer eines Volkes in der Wissenschaft,
in der Kunst und im Wirtschaftsleben dasselbe vorwärts-
bringen können, um so mehr tritt die Unzulänglichkeit
aller Erziehungseinrichtungen zutage, die nicht darauf
berechnet sind, solche Führer heranzubilden. Die ersten

Maßnahmen hierzu müßten schon die allgemeinen
und elementaren Schulen ins Auge fassen, während die
höheren Schulen durch Einführung einer gewissen
Wahlfreiheit in den Unterrichtsfächern sowie durch
Abschaffung des Abiturientenexamens die ihrerseits
notwendigen Reformen einleiten müßten. □

AUS MUSEEN UND SAMMLUNGEN

° Berlin. Die Ajg£ Preußische Meßbildanstalt feierte am

8. April ihr 25jähriges Bestehen. Sie wurde im Jahre 1885
vom damaligen Kreisbauinspektor Albrecht Meydenbauer
in Marburg im Auftrage der preußischen Arbeits- und
Kultusminister begründet. Seither sind beinahe 14000 Auf-
nahmen von 1181 Bauwerken in 245 Orten gemacht wor-
den, von denen der größte Teil auf Preußen entfällt. —
Die Sammlungen des Kgl. Kunstgewerbemuseums sind seit
einigen Monaten in mehr entwicklungsgeschichtlicher Weise
aufgestellt. Alle Gegenstände sind zeitlich und künstlerisch
in beste Beziehungen gebracht und geben ein sehr plasti-
sches Bild der verschiedenen Schaffens- und Stilperioden
und ihrer Entstehung. n

a Hildesheim. Das im Jahre 1529 erbaute Knochenhauer-
Amtskaus, eines der schönsten Denkmäler der Holzarchi-
tektur, wird auf Veranlassung des neu begründeten Kunst-
gewerbevereins als Kunstgewerbehaus, also als Sammelstätte
heimischer Volkskunst eingerichtet. o

o Leipzig. Von Anfang Mai bis Mitte Juni stellt Georg
Belwe mit seiner Klasse der Akademie buchgewerbliche
Arbeiten im Deutschen Buchgewerbemuseum aus. — Die
Vorbilder-Sammlung dieses Museums ist jetzt sehr über-
sichtlich geordnet und mit einem handschriftlichen Künstler-
verzeichnis versehen, das im Lesesaale zur Benutzung aus-
liegt Q
a München. Der Direktor des Bayerischen National-
museums, Dr. Stegmann, hatte in einem Vortrag »Rück-
blicke und Ausblicke« folgenden Satz aufgestellt: »Eine
Hauptaufgabe der Zukunft bildet, unter Erhaltung des
künstlerischen Bildes, das Ausscheiden alles Minderwichtigen
und Minderwertvollen und dessen Veräußerung oder Ver-
einigung zu einer nichtöffentlichen Studiensammlung oder
(am besten) Überweisung an Provinzmuseen«. Dagegen
polemisierte Fritz von Miller in den »Münchener Neuesten
Nachrichten« vom 13. Februar. Er gab seinen Ausführungen
die Überschrift »Wert des Minderwertigen« und wollte da-
mit sagen, daß gerade die kleinen, abseits der großen
prunkvollen Kunst geschaffenen Stücke den heutigen Hand-
werkern oft mehr Anregung bieten könnten, als jene augen-
fälligeren Schaustücke, die in Bild und Wort zum Gemeingut
der Kunstverständigen geworden sind. — Hier streiten
zwei Kunstanschauungen miteinander, die sich wohl schwer
verständigen werden. Die Millersche geht davon aus,
daß der Handwerker das Museum brauche, um sich nach
Bedarf Motive und Anregungen aus ihm herauszufischen;
die Stegmannsche hält ein mehr kunstgeschichtliches Er-
fassen des Typischen und ein logisches Begreifen der
Zeiten und ihrer Kunstäußerungen für wichtiger, und als
Hilfsmittel dazu erscheinen ihm die allerbesten Stücke ge-
rade gut genug. — Wir stellen uns durchaus auf die Seite
Stegmanns, da seine vergleichende Methode der charakte-
ristischsten Merkmale früherer Kunst- und Geistesrichtungen

Kunstgewerbeblatt. N. F. XXI. H. S

zum Erfassen und Bilden der eigenen Zeit führen kann.

— Es gibt übrigens nicht wenig Leute, die den rein
malerisch-ästhetischen Aufbau der reichen Schätze des
Bayerischen Nationalmuseums als der künstlerischen Ent-
wicklung direkt hinderlich und als theatralisch bezeichnen.

— In ähnlicher Weise, wie Stegmann es mit dem National-
museum tun will, hat Dr.HeinrichPallmann die »Graphische
Sammlung?- des Kgl. Kupferstichkabinetts neu geordnet.
Er hat die Originale in einer sogenannten »Stechersamm-
lung« vereinigt und daneben, als Studienmaterial, in be-
sondere Sammlungen die reichen Bestände an Reproduk-
tionen aller Art gelegt. Die Brauchbarkeit der »Graphischen
Sammlung« ist damit in ungeahnter Weise gehoben worden.
Einen sehr wichtigen Bestandteil bildet auch die örtlich
verbundene »Kunstbibliothek«, in der sich die Zeitschriften
und Bücher befinden und die sich einer äußerst starken
Benutzung erfreut. o
□ Nürnberg. Der Magistrat erwarb für das Germanische
Museum einen prächtigen Glaspokal, der am Fuß und
Deckel sehr schöne Arbeit in vergoldetem Silber zeigt.
Das Stück stammt von Wenzel Jamnitzer und wurde mit
20000 Mark bezahlt. n
o Salzburg. Vor mehreren Jahren wurde eine »Kom-
mission für modernes Kunstgewerbe« auf Veranlassung
der Landesregierung und mit Unterstützung des Öster-
reichischen Museums in Wien gebildet. Diese Kommission
hat jetzt ein Museum mit dem Titel »Kaiser Franz Joseph I.-
Gewerbemuseum« ins Leben gerufen. Die Statuten sind
von der Regierung bereits genehmigt und die Sicherung
der nötigen Lokalitäten und Geldmittel steht bevor. o

PREISAUSSCHREIBEN

o Dresden. Im Wettbewerb für künstlerischeMilitärvcreins-
fahnen, den der Landesverein Sächsischer Heimatschutz
mit Hilfe des Dresdener Kunstgewerbe-Vereins aus-
geschrieben hatte, erhielten die Entwürfe von Kurt Ullrich,
Otto Baumgärtel und Hans Urban, sämtlich in Dresden,
Preise. Der Verfasser des mit dem ersten Preise ge-
krönten Entwurfes »Pirna« ist unbekannt geblieben. □

n Nürnberg. Die Preisaufgabe der König Ludwig-Preis-
stiftung für die Bayerische Landesgewerbeanstalt besteht
im Jahre 1910 im Entwurf für eine Schreibtisch -Standuhr
aus beliebigem Material. Die Bewerbung beschränkt sich
auf in Bayern Lebende, die ihre Entwürfe bis 1. Juli abzu-
liefern haben. °
o Stuttgart. 106 Entwürfe waren auf den Wettbewerb
des »Vereins für christliche Kunst v für Abendmahl- und
Taufgefäße eingelaufen. Die Preise fielen an Wilhelm
Bühler und Max Körner in Stuttgart, Bildhauer Karl Zeller
in Heilbronn a. N., Modelleur A. Rieker in Nürnberg und
Oskar Elsässer in Malmsheim. o

24
loading ...