Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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ALTES STEINGUT DES 18. JAHRHUNDERTS







Steingutgeschirr mit kobaltblauer Malerei, Erzeugnisse der Firma Villeroy & Boeli in Mettlach aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Keramisches Museum der Firma in Mettlach

ALTES STEINGUT

Von Ernst Zimmermann

WENN irgendein Gebiet der Keramik einer spätereii
Zeit einen deutlichen und nicht mißzuverstehenden
Begriff von dem falschen Protzentum unserer Zeit
geben wird, so ist es sicherlich das des Steinguts,
d. h. jenes keramischen Produkts, das heute wohl als das
neben dem Porzellan am meisten verwandte keramische
Erzeugnis angesehen werden kann. Das Steingut ist be-
kanntlich der einzige wertvolle Beitrag, den die englische
Keramik der allgemeinen Weltkeramik beigesteuert hat.
Es ist hier erfunden und dann zuerst ausgebildet worden,
durch keinen Geringeren, als durch Wedgwood, den größten
aller englischen Kunsttöpfer. Wedgwood hat bekanntlich
die Ausbildung und Veredelung dieser keramischen Erzeug-
nisse ausschließlich deshalb vorgenommen, um zu einer
Zeit, da das Porzellan, das edelste und feinste Produkt
der Keramik noch zu kostspielig war, um ein keramisches
Allgemeingut für die breiteren Massen zu werden, diesen
ein anderes Erzeugnis in die Hände zu geben, das sich
zwar mit dem Porzellan nicht messen konnte und auch
nicht sollte, dafür aber auch bedeutend wohlfeiler war
und vor allem viel praktischer, als die damals das einfachere
keramische Produkt darstellende Fayence. Diesen Zweck
hat Wedgwood und auch noch die nächste Zeit niemals
aus den Augen verloren: das Steingut sollte immer ein
wohlfeiles, aber zugleich auch möglichst praktisches und
gefälliges Erzeugnis sein, niemals jedoch sich irgendwie
künstlerisch mit dem Porzellan messen, niemals gar —
und mochten beider Aufgaben auch noch so verwandt sein

— sich stellen, als ob es selber Porzellan wäre und mit
diesem vielleicht veiwechselt werden könnte. Es blieb
immer ehrlich das, was es wirklich war: ein Produkt von
einfacherer Art und dementsprechend auch von einfacher
Verzierung. Ganz anders aber dann alsbald das 19. Jahr-
hundert! Ehrlich sein und ehrlich bleiben, ist wohl das-
jenige gewesen, was dieses typische Zeitalter der Surro-
gate, dies Zeitalter des Parvenü- und Protzentunis an
allerletzter Stelle erstrebt hat, mehr scheinen, als man ist,
stets seine Liebliugsparole gewesen. Was dadurch auf
dem vorliegenden Gebiete geschah, ist bekannt genug:
nicht nur ward das bisher so aristokratische Porzellan nun
so verschlechtert und verbilligt, daß es jetzt wirklich ein
Allgemeingut wurde, aber ein sehr betrübliches: damit
nicht genug, ward jetzt auch das Steingut, entgegen allen
Tendenzen der Vergangenheit, mit allen Kräften als Por-
zellan frisiert, das freilich naturgemäß noch schlechter
ausfiel, als das eben bezeichnete schon so verschlechterte
Porzellan selber. Es wurde zu diesem Zwecke zunächst
in der Masse ganz weiß gehalten wie Porzellan, dann
in dieselben Formen gepreßt und auch ganz genau so
dekoriert. Damit war das Pseudoporzellan, das Surrogat
fertig und die Keramik hatte anscheinend einen großen
Triumph zu feiern. Was aber wirklich erreicht ward, das
wußte jede Hausfrau nur zu bald, wenn sie Steingut fälsch-
lich als Porzellan eingekauft hatte, und nun nach kurzer
Zeit entdecken mußte, wie dies so unansehnlich ward, wie
es echtes Porzellan nie werden kann; das empfinden vor
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