Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

Page: 151
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstgewerbeblatt1910/0160
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
-j ALTES STEINGUT DES IS. JAHRHUNDERTS

151

allem wir jetzt wieder, wenn
wir die bisher viel zu wenig
beachteten älteren Erzeug-
nisse aus Steingut betrachten
und erkennen, daß hier durch
ein gänzlich falsches Streben
und Vornehmtun eine hüb-
sche, dekorative Kunst verloren
gegangen ist, die es wohl
gelohnt hätte, sie auch noch
im 19. Jahrhundert zu bewah-
ren und bis in unsere Zeit
hinüber zu retten. Jetzt frei-
lich, wo langsam wieder eine
gewisse Ehrlichkeit und ein
gewisser dekorativer Sinn ganz
allgemein erwacht ist, jetzt,
wo man sich vielfach bemüht,
die Sünden der letzten Ver-
gangenheit wieder einiger-
maßen gut zu machen, jetzt hat
man an manchen Stellen den
Irrtum erkannt, den das 19.
Jahrhundert auf diesem Gebiet
uns hinterlassen hat, und ihn
zu verbessern gesucht, frei-
lich, indem man nun meist,
wie so oft in solchen Fällen,
ins genaueste Gegenteil des
Bisherigen verfiel und das,
was bisher unter dem Einfluß des Porzellans zu delikat
ausgefallen war, nun, indem man sich mehr an die alte
Bauerntöpferei als an das ältere Steingut hielt, zu derb
und flüchtig gestaltete. Man hat nicht gleich erkannt,
daß der rechte Weg hier in der Mitte liegt. Die
eigentliche Großindustrie jedoch hat leider, wie meist, in
dieser Beziehung so gut wie noch gar nichts getan: sie
beharrt, ermuntert durch das Gros des Publikums, das
immer ziemlich ahnungslos in künstlerischen Dingen durch
die Welt zu schweifen pflegt, bei ihrem Steingutstil. Was
hier vielleicht bisweilen schon Gutes entsteht, sind reine
Zufälle, keine bewußten Überzeugungen, und so ist wohl

Steingutgeschirr, bemalt und bedruckt, von Wedgwood, Etruria, um 17S0—1600.
Keramische Museen der Firma Villeroy & Boch zu Mettlach und der kgl. Porzellanmanufaktur

zu Charlottenburg

von dieser Seite noch für lauge Zeit nichts für eine Wieder-
gesundung dieses Gebietes zu erhoffen. o
o Aus allen diesen Gründen war bereits auf der Dresdner
Kunstgewerbeausslellung im Jahre 1906 in der Abteilung
der alten • Kunst und Techniken« eine Gruppe älterer Stein-
gutarbeiten zusammengebracht worden, schon in der Er-
wägung, daß dies Gebiet der Keramik auch in unseren
Museen, sogar auch in den mit Kunstgewerbeschulen ver-
bundenen meist sehr schwach vertreten ist. Sie dürfte
vielleicht die reichste und hübscheste Gruppe gewesen
sein, die bisher auf diesem Gebiete zusammengekommen
ist. Aus gleichen Gründen mögen hier einige hervorragende

Steingutteller verschiedener deutscher Fabriken aus dem Ende des 18. Jahrhunde
Museen zu Kassel, der kgl. Porzellanmanufaktur zu Charlottenburg usw.

=3'
loading ...