Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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XXI. WANDERVERSAMMLUNG DES GEWERBESCHUL-VERBANDES

aus, die in der gleichen, recht mäßigen Ausstattung eine
langweilige Reihung ohne jeden Rhythmus bedeuten. Auch
Karl Baedeker zeigt seine erprobten Reisehandbücher,
gleich 75 auf einmal, in einer Anordnung, die statt der
farbigen Möglichkeiten nur die Monotonie der roten
Einbände zur Geltung bringt. Julius Hoffmann-Stuttgart,
der sonst in Ausstattungsfragen gut beraten scheint, be-
hängt eine Wandfläche von 5 Quadratmetern mit 55 far-
bigen Tafeln aus seinen Zeitschriften und Vorlagenwerken,
wo wenige charakteristische Beispiele von glücklicherer
Wirkung gewesen wären. Breitkopf & Härtel - Leipzig
führen Gesamtausgaben der Werke unserer Musikheroen
in einer Aufmachung vor, die ebenso geschmacklos als
konventionell und unwirksam ist. Dagegen hat der Har-
monie-Verlag in Berlin gelungene Versuche in künstlerischen
Notentiteln zu zeigen. Friedr. Vieweg & Sohn haben gute
Farbdrucke für wissenschaftliche Bücher ausgestellt. Vel-
hagen&Klasing-Bielefeld und Leipzig zeigen einige Tableaus
mit Einzelblättern, sowie einige gute Buchausstattungen.
Das letztere läßt sich auch von der G. Groteschen Verlags-
buchhandlung, Berlin, sagen. Was die Langenscheidtsche
Verlagsbuchhandlung zur Ausstellung brachte, hat sicher
allgemeines Interesse, bis auf die Aufmachung ihrer Er-
zeugnisse, die nach wie vor schlecht ist. Den Höhepunkt
an Geschmacklosigkeit und Dürftigkeit erreichen die An-
nalen von F. C. Glaser-Berlin. Alles in allem lassen diese
Abteilungen viel gründliche und gewissenhafte Arbeit auf
technischem und wissenschaftlichem Gebiete erkennen,
jedoch erst wenige zielbewußte Äußerungen künstlerischen
Empfindens neben einer erdrückenden Fülle von Geschmack-
losigkeiten, a
a Im Raum 8 kommt die wirkliche reife Druckkunst zu
ihrem Recht. Das beweisen die zahlreichen Schaukästen
der Sondergruppe Buchkunst mit den Auslagen unserer
ersten Verlagshäuser und Privatpressen, deren verdienter
Ruf begründet ist in der Betätigung ausgesprochener künst-
lerischer Tendenzen. Ernst Ludwig-Presse, Tempel-Verlag,
Janus-Presse, Georg Müller, Julius Bard, Bruno Cassirer,

E. Diederichs, Hans von Weber, S. Fischer-Verlag, Schaff-
stein u. a. Sie alle haben Bücher ausgestellt, die das
deutsche Buchgewerbe glänzend vertreten und einen Be-
griff unserer zielbewußten, künstlerischen Arbeit während
der letzten zehn Jahre geben. An den Wänden hängen vor-
zügliche Kunstblätter, Gravuren und orginalgraphische Ar-
beiten. Ferner hervorragende farbige Reproduktionen alter
Kunst, besonders farbige Lichtdrucke nach Meinung und
anderen Meistern von Alb. Frisch-Berlin. Die Buchkünstler
selbst kommen noch im Raum 9 zu Wort, wo der »Verein
deutscher Buchgewerbe - Künstler» eine kleine Kollektiv-
Ausstellung in geschmackvollem Rahmen vorführt. Es sind
Stichproben der Kunst von Vogeler, Tiemann, Honneger,
Steiner-Prag, Seliger, Belwe, Hein, Cissarz, Ehmcke, Weiß
und anderen. In dieser Reihe unserer bekanntesten Buch-
gewerbler fehlt indes noch mancher Name, den man der
Vollständigkeit halber gerne vertreten sehen möchte. Da-
ran ist aber wohl der Zufall schuld und die etwas lokale
Färbung des in der Stille gegründeten jungen Vereins, der
seinem Namen entsprechend noch wachsen muß. □

o Die anschließenden Räume 10 und 11 — Berufs- und
Liebhaberphotographie geben einen vorzüglichen Überblick
über den gegenwärtigen Stand unserer Lichtbildnerei. Die
ausgestellten Arbeiten zeigen fast durchweg Qualität.
Besondere Erwähnung verdienen die wundervollen Akt-
aufnahmen von A. Grienwaldt-Bremen und die farbigen
Photographien von Hoffmeister. Zum Schluß wäre noch
über Raum 12 zu sprechen, wo einige unserer Großbuch-
bindereien ausstellten. Unter diesen seien Lüderitz & Bauer
besonders erwähnt wegen ihrer zielbewußten Arbeit für
den Verlegerband. Was für Resultate auf diesem Gebiet
möglich sind, konnte die englische Abteilung für Buch-
gewerbe lehren. Sie zeigte Verlegerbände in geradezu
mustergültiger innerer und äußerer Aufmachung und Luxus-
bände von einer vollendeten Schönheit in Technik und
Zeichnung. Künstlerische Werte, gegeben mit einer ge-
wissen Selbstverständlichkeit, ohne die aufdringliche Re-
klame und Selbstgefälligkeit unserer Exaktheitsfanatiker.

HEINRICH WIEYNK-Beiiin.

DIE XXI. WANDERVERSAMMLUNG
DES DEUTSCHEN GEWERBESCHUL-VERBANDES

Von Otto Schulze-Elberfeld

REGENSBURG an der, dort nach dem Studentenliede
»strudelnden«, Donau war diesmal der Treffpunkt
von Herren und Damen des Gewerbeschul-Ver-
bandes, der die Angehörigen der fachlichen Berufs-
schulen, einschließlich der Gewerbeschulen für Mädchen,
umfaßt. Es war sehr verständig, mal wieder den Süden
aufzusuchen, mal wieder Anschluß bei den süddeutschen
Brüdern und Schwestern zu finden. Im Vorjahre fand die
Tagung in Posen statt; also nichts besser als Gegensätze,
die wiederum Gegensätze überbrücken helfen. Eine schöne
bayerische Stadt mit vortrefflichen alten Baudenkmalen auf
historischem Boden und bewährten vorzüglichen Bier-
quellen und ebensolcher Versorgung in anderen Dingen
scheint mir der gegebene Versammlungsort auch für tech-
nische Schulmänner zu sein. Etwas platzen ja die Ge-
müter auch der besten Erzieher zuweilen aufeinander, und
da ist es gut, wenn fürsorgende und entgegenkommende
Gastfreundschaft an der Hand von Naturschönheiten, echter
Kunst und versöhnender Nachsicht solchem Fachempfinden

die Spitze nimmt. Es sei vorweg gesagt, daß die große
Tagung durchaus harmonisch, anregend und nutzbringend
verlief, dank der vorzüglichen Oberleitung und der sich
aufopfernden örtlichen Geschäftsleitung. Die Tage vom
18. bis 21. Mai werden allen Teilnehmern der Regensburger
Tagung unvergeßlich bleiben. □

n An der Hauptversammlung aller Gruppen der verschie-
denen Schulgattungen nahmen die Behörden und Vertreter
der Schuldezernate der verschiedenen Bundesstaaten teil.
Die Beteiligung der Schulmänner selbst war eine nicht so
starke wie auf früheren Verbandstagen; vielleicht war
manchem doch der Weg zu weit, oder das schöne Regens-
burg zu gefährlich. Nach den üblichen Ansprachen des
Verbandsvorsitzenden, Baurats Prof. W. Pickersgill-Stutt-
gart, und der Vertreter der Bürgerschaft, der Regierungen
und technischer Verbände hielt der vortreffliche Vorkämpfer
und Förderer des Zeichenunterrichts, des Werkunterrichts
und der erziehenden Arbeit in den Volksschulen, Fort-
bildungs- und Fachschulen Bayerns, Studien- und Schulrat
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