Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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METALLARßEITEN VON GEORG LIPPERT IN LEIPZIG



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Jardiniercn von G. Lippert

Vasen und Leuchter von G. Lippert

METALLARBEITEN VON GEORG LIPPERT IN LEIPZIG

□ Im dem Kampfe zwischen Kunstindustrie und Kunst-
liandwerk wird der ersteren nicht mit Unrecht der Vorwurf
gemacht, daß sie nur auf die Quantität des Absatzes sähe,
es ihr aber nicht darum zu tun sei, erzieherisch auf das
Geschmacksniveau der breiten Masse ihrer Abnehmer zu
wirken. So berechtigt auch diese Vorwürfe einzelnen
Zweigen wie der Textil- und Schmuckindustrie gegenüber
sein mögen, und man besonders in der letztgenannten
Branche die Massenschundproduktion nicht hart genug
tadeln kann, so erfreulich wirkt es, wenn, freilich als ver-
einzelte Ausnahmen, in der Metallwarenindustrie einzelne
Firmen von den bis zum Überdruß wiederholten Mustern
abzugehen anfangen. Es ist natürlich sehr leicht, in der
Theorie die Forderung aufzustellen, auch die Industrie
dürfe sich nicht länger der Aufnahme gediegener moderner
Muster verschließen; die geschäftliche Praxis muß aber
mit der Konkurrenz rechnen, und Zahlen reden eine harte
Sprache. Nur ganz allmählich kann eine Einwirkung auf
den Geschmack des auf Industrieerzeugnisse angewiesenen
Abnehmerkreises versucht werden. □

n Nur ganz langsam werden die breiten Volksschichten Ver-
ständnis für einfache materialgerechte Formen finden. Einen
Schritt vorwärts auf dem Wege in der als erstrebenswert
angedeuteten Erziehung des minder kaufkräftigen Publikums

bedeuten die hier abgebildeten Arbeiten von Georg Lippert,
dem technischen Leiter der Leipziger Firma Emil Venus & Co.
Der Gedanke, durch material- und zweckentsprechende
Ausgestaltung der Form, der Industrie Muster an die Hand
zu geben, die geeignet sind, auch in weiteren Kreisen den
Sinn für geschmackvolle Gebrauchs- und Dekorationsgegen-
stände zu wecken, hat anerkennenswerte Resultate gezeitigt.
Diese aus einfachen Röhren mit gestanzten Henkeln her-
gestellten Blumenvasen geben neben dem dreiarmigen Tisch-
leuchter ein Bild davon, wie in der Industrie Billigkeit und
anständige Form durchaus Hand in Hand miteinander
gehen können, ohne daß eines unter dem anderen zu leiden
hat. Die Metallwarenindustrie krankt augenblicklich an
einer Neigung, durch Häufung ornamentaler Dekoration an
ihren Produkten die Wirkung des Materials als solchen zu
beeinträchtigen. Die Lippertschen Arbeiten bemühen sich,
diesen Uberschwall von dekorativer Ausstattung auf ein
materialgerechtes Maß zurückzuführen. Mau darf wohl
hoffen, daß diese anregenden Versuche ihrem Schöpfer
Ursache werden, das aufgegriffene Problem weiter zu ent-
wickeln, dann werden auch stilistische Entgleisungen wie
die kraß naturalistischen Stiefmütterchen an der einen Jar-
dim'ere und die stark retrospektiven Girlanden der einen
Vase als dekorative Unmöglichkeit empfunden werden.

Dr. OTTO PF.I.KA.

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