Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU







der Keramik, der Holzbearbeitung, der Schmiedekunst usw.
Wenn man sich diejenigen Kunstschulen aussucht, welche
in möglichst vielen von den oben angeführten Gebieten
unterrichten, so findet man einige wenige Kunstgewerbe-
schulen, unter denen die Düsseldorfer Kunstgewerbeschule
einen besonderen Rang einnimmt, da sie teilweise dieses
Unterrichtsgebiet bereits umfaßt und im Begriffe steht, die
übrigen in näherer Zukunft einzuführen. Gleichzeitig mit
der Durchführung eines Programms auf der Grundlage der
gesamten angewandten Kunst ist auch das Programm einer
Architekturschule erwogen worden. o

d Aus allem Vorhergehenden geht hervor, daß wohl
kaum eine Kunstschule Deutschlands gegenwärtig geeig-
neter sein dürfte zur Angliederung eines Architekturunter-
richts, als die Kunstgewerbeschule Düsseldorf. Es ist
schon gesagt worden, daß in näherer Zukunft das dringende
Bedürfnis der künstlerischen Erziehung zum Architekten in
einer möglichst kurzen Unterrichtsdauer auf keiner anderen
Schule so leicht einzuführen ist, als auf der Kunstgewerbe-
schule, weil hier unter den Voraussetzungen der tech-
nischen Vorbildungen nur die Ateliers oder Fachklassen
angefügt oder ausgebaut zu werden brauchen, da für die
Innenarchitektur, Raumgestaltung, Proportionslehre, Plastik,
dekorative Malerei, Keramik und Textilkunst bereits ein
für die Architekten genügender Unterricht vorhanden ist
und beabsichtigt ist, auch den Unterricht im Gartenbau
und in der Glasmalerei der Schule anzufügen. □

n Mit dem 1. April 1909 ist an der Kunstgewerbeschule
Düsseldorf der Architekturunterricht eingeführt worden.
Die Schüler, die aufgenommen wurden, mußten den Nach-
weis einer genügenden technischen Vorbildung erbringen,
die zum größten Teil durch Absolvierung einer Baugewerk-
schule bestätigt wurde, zum anderen Teil durch einen ent-
sprechenden Besuch einer technischen Hochschule oder
einer anderen Bildungsanstalt mit nachweisbarem Erfolg.
Bereits im ersten Semester hat sich der Unterricht in der

einfachen bürgerlichen und öffentlichen Bauweise, sowie
in der Monumentalbaukunst als außerordentlich frucht-
bringend gezeigt, indem das intensive Eingehen auf die
künstlerische Seite der Erziehung ohne zuviel störenden
Zwischenunterricht in Nebenfächern zu schnellen und er-
freulichen Fortschritten der Schüler führte. Die Aufgaben
wurden der Praxis entsprechend gestellt ohne eine allzu
weitschweifige Entwurfmethode. Es wurde hauptsächlich
angestrebt, einfache Aufgaben, wie sie die Praxis immer-
fort stellt, geschmacklich einwandfrei zu lösen und bei der
verhältnismäßig geringen Schülerzahl der beiden Ateliers
konnte dies in erschöpfender Weise behandelt werden. Es
kann natürlich nach dem Verlauf eines Semesters kein end-
gültiges Urteil darüber abgegeben werden, wie weit der
Vorzug einer solchen intensiven Kunsterziehung auf der
Grundlage technischer Vorbildung gegenüber der gleich-
zeitigen technischen, wissenschaftlichen und künstlerischen
Ausbildung auf einer technischen Hochschule anzuschlagen
ist. Es unterliegt aber keinem Zweifel, daß der Schüler
bei der in Düsseldorf eingerichteten Erziehungsweise einen
viel klareren Begriff von dem erhält, was die Praxis von
ihm fordert, da die Arbeitsweise ganz der eines Architektur-
ateliers angepaßt ist und die außerordentlich störenden,
weil viel zu abschweifenden Nebenfächer, besonders wissen-
schaftlicher Art, wegfallen, wodurch der Geist von der
künstlerischen und geschmacklichen Durchbildung ganz in
Anspruch genommen wird und sich erstaunlich schnell
selbständig entwickelt. Einstweilen existiert nur an der
Kunstgewerbeschule Düsseldorf diese besondere Architektur-
abteilung, welche voraussichtlich am 1. April 1910 eine
Gartenarchitekturklasse und eine weitere Klasse für Innen-
ausbau erhält, so daß sie alsdann in vier Klassen das Ge-
biet der Innen- und Außenarchitektur mit Einschluß des
Gartens umfaßt, außer einer vorherrschenden Abteilung
für Innenausbau. n

WILHELM KREIS.



KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU







AUS NEUEREN SCHULBERICHTEN

□ Bielefeld. Staatlich-Städtische Handwerke/schule mit
kunstgewerblichen Tageskursen. Auf einem allgemeinen
Unterricht baut sich für Reifere eine Stillehre des Kunst-
gewerbes auf. Es werden bestimmte Aufgaben der an-
gewandten Kunst bearbeitet »unter den Gesichtspunkten
des Stils, d. h. der Beziehung zu Zweck, Material, Um-
gebung und Zeit«. In diesem Satz ist die fortschrittliche
und allein zeitgemäße Auffassung der Schulleitung, die
sich tüchtige Hilfskräfte zur Durchführung dieses Pro-
gramms zu sichern wußte, schon genügend charakterisiert,
n Charlottenburg. Städtische Kunstgewerbe- und Hand-
werkerschule. Während in den Schulberichten und Druck-
sachen der meisten anderen Schulen das Bestreben zutage
tritt, alle offiziellen Kundgebungen einer Stelle, die zur
Pflege der Kunst bestimmt ist, auch künstlerisch zu ge-
stalten, zeigen die Drucksachen der Städtischen Kunst-
gewerbe- und Handwerkerschule zu Charlottenburg noch
ganz das hergebrachte Schema F.«. Von einer Durch-
bildung des Druckspiegels im modernen Sinne ist noch
gar keine Rede, und es macht keinen guten Ein-
druck, wenn zur äußeren Ausstattung des Umschlages
einer so wichtigen Kundgebung, wie des Schulberichtes,
schlecht zusammengesetzte Typenlinien verwendet werden.

Der äußere Eindruck erhält sich auch bei flüchtiger Durch-
sicht des Schulprogramms; Holz- und Marmormalen, Zeich-
nen nach Gips und ähnliche Dinge sollte man in einer
Kunstgewerbeschule nicht mehr antreffen. Wir glauben
aber annehmen zu dürfen, daß es sich hier nur noch um
eine aussterbende, schlechte Überlieferung handelt, denn
neben diesen Dingen sehen wir eine frische künstlerische
Betätigung sich entwickeln, deren Anregung vielleicht von
dem stellvertretenden Direktor Professor Mohrbutter aus-
gehen könnte. Die Ausstellung der Schülerarbeiten sollte
der Allgemeinheit besser bekannt gemacht werden und nicht
gewissermaßen unter Ausschluß der Öffentlichkeit erfolgen.
□ Elberfeld. Städtische Handwerker- und Kunstgewerbe-
schule. Eine abgesonderte »Vorschule« befindet sich an dieser
Anstalt zurzeit nicht. Die jüngeren Schüler werden, soweit sie
eine eigentliche Vorbildung in den zeichnerischen Fächern
nicht besitzen, nach Maßgabe ihrer Berufswahl den für sie
besonders geeigneten Klassen überwiesen, in denen sie auf
Grund der Unterrichtsweise in Rücksicht auf die Indivi-
dualität der Schüler das gesteckte Lehrziel neben den
älteren Schülern, die für sie meistens vorbildlich sind, er-
reichen. Die Schüler, die keine Lehre durchgemacht haben,
müssen das zurückgelegte 14. Lebensjahr, mindestens den
erfolgreichen Besuch der Volksschule und Begabung im
Zeichnen nachweisen. Sie werden in solchen Fällen zu
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