Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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BILANZ!

Abdruck aus der »Werkstatt der Kunst«, deren Redaktion auch die Leser
des »Kunstgewerbeblattes« um Vorschläge oder Meinungsäußerungen bittet.

Von Leo Kober

□ Draußen ist es Frühling geworden und die warmen
Sonnenstrahlen lösen Sommergedanken aus. Bald wird es
warm und unerträglich in den Ateliers, die Reihen der
Bekannten lichten sich, winterliches Mühen, Kämpfen und
Streben weicht der Sehnsucht nach ruhiger Arbeit und Er-
holung in der Natur. Es ist Saisonschluß. Man kehrt ein
bißchen zu sich selbst zurück, gesättigt, vielleicht übersättigt
von den Emotionen des an »künstlerischen Ereignissen«
reichen Winters, und soll nun bei beschaulicher Arbeit das
Verdauungswerk beginnen. Als Schlußstein der offiziell
verflossenen Saison stehen die beiden Ausstellungen am
Lehrter Bahnhof und am Kurfürstendamm und bald sind
Debatten, Verzückung und Tadel, zu denen sie Anlaß ge-
geben, verstummt, vergessen und begraben. Wer's tun kann,
verläßt die Stadt, ruht aus ein wenig und wartet, bis neue
Hoffnungen zu neuer Arbeit treiben, das Bestehende zu
festigen, oder dem Erstrebten, noch nicht Erreichten nach-
zujagen. Das künstlerische Geschäftsjahr ist um, und es
ist Zeit, Bilanz zu machen. o
d »Bilanz«: ist ein scheußliches Wort, denn es riecht nach
Geschäft. Und die Kunst soll nichts zu schaffen haben
mit dem Geschäft. Dieser wundervolle Grundsatz hat je-
doch die Butter nicht gehindert, teurer zu werden. Und
mag der Künstler noch so grundverschieden sein von den
übrigen Menschen, er gleicht ihnen in diesem einen Punkte-,
die Butter und alles Übrige ist für ihn nicht billiger als
für alle anderen. Und läuft sein Leben auch auf Ausnahms-
wegen, und anerkennt er als Lebensgesetze nur solche, die
ihm passen, mögen sie von anderen verworfen und ver-
lacht werden, — mit strenger, fester Hand weist ihn der
Daseinskampf mit seinen erhöhten Butterpreisen zurück auf
das harte Pflaster der Heerstraße, auf der die anderen ein-
hergehen. Wollen wir uns daher nicht scheuen, Bilanz zu
machen. °
n Von künstlerischer Bilanz mag hier eingehend die Rede
nicht sein. Die künstlerische Ausbeute des vergangenen
Winters war nicht ärmer, als die, anderer Jahre, vielleicht
reichlicher. Die Franzosen des 18. Jahrhunderts, Ameri-
kaner, die Ungarn in der Sezession, Manet und Cezanne,
zum Schluß die beiden Jahresausstellungen der wichtigsten
Künstlervereinigungen Berlins, von der Menge kleineren
Ausstellungen abgesehen, — das alles ist ein stattliches
Quantum Kunstfutter für den überanstrengten Magen der
Berliner. Es ist auch nicht zu leugnen, daß von Seiten der
berufensten Faktoren alles unternommen wird, das zur künst-
lerischen Erziehung des Großstadtmenschen erwünscht ist.
Ja es ist als übergenug zu bezeichnen, wenn man bedenkt,
wie viele andere Dinge diesen Großstadtmenschen noch
beschäftigen und beschäftigen müssen. In den Eröffnungs-
reden der beiden Ausstellungen ist manches richtige Wort
gefallen, und mag man auf dieser oder jener Seite stehen,
an den ehrlichen Bestrebungen ihrer Führer für das, was
für sie »Kunst« bedeutet, kann nicht gezweifelt werden.
Seien die Wege, die sie gehen, auch grundverschieden, sie
gehen sie dennoch mit der Überzeugung im Innern, daß
sie zum Besten führen. Das Wohl der Kunst liegt ihnen
sicherlich auf dem Herzen. °

□ Aber da wir nun einmal von den erhöhten Butterpreisen
gesprochen haben, mag uns das Wohl der Kunst diesmal
nebensächlich bleiben, dieses Wohl der Kunst, das mit dem
Wohl des Künstlers so wenig, so bettelwenig zu tun hat.
Und hat unser künstlerisches Gewissen die künstlerische
Bilanz des verflossenen Winters befriedigt, — unser zweites
Gewissen, das menschliche, dieses Produkt von Verant-

wortlichkeit dem wirklichen Leben, den Menschen, Familie
und sich selbst gegenüber, jenes Gewissen, das stumm
bleibt vor Manets Frauenbildnissen und sich regt, wenn
die Butterpreise steigen, es fordert eine wirtschaftliche Bilanz
des Jahres, und wollen wir diese ziehen, so werden wir
sie mit diesem zweiten Gewissen zu vereinigen wohl kaum
in der Lage sein. Ein paar Artikel über Künstlerproletariat,
Überproduktion, schließlich in den Kunstzentren Deutsch-
lands etwa 10000 refüsierte Bilder — das ist die wirtschaft-
liche Bilanz des Winters 1909/1910. □
n So unglaublich traurig das Letztere ist, liegt es mir hier
ferne, das alte Lied von 10000 »getäuschten Hoffnungen,
zerstörten Möglichkeiten« usw. wieder anzustimmen, dieses
alte, gute, dumme Lied. Ich erklärte hier aus bester Über-
zeugung heraus, daß aus dem Umstände dieser 10000 refü-
sierten Kunstobjekte den in Frage stehenden Jurys auch
nicht der geringste Vorwurf zu machen sei. Ich halte es
für unmöglich, für ganz ausgeschlossen, daß bei dem System
der Ausstellungsjurys, wie es heute (mit Recht oder mit
Unrecht) besteht, unbedingt gerecht vorgegangen werden
kann. Das ist nicht zu verlangen. Und umso unmöglicher
ist dies bei den vorhandenen, ganz unerhört beschränkten
Raumverhältnissen, diesem Übermaß von Produktion gegen-
über. Von der heute geradezu ins Erstaunliche angewach-
senen Grundverschiedenheit künstlerischer Anschauungen,
die sicher und mit Recht bei Aufnahme in die Ausstellun-
gen mit —, wenn auch nicht allein, ausschlaggebend sind,
sei hier abgesehen. Die Herren nehmen eben nur so viel
und das, was sich mit den Quadratklaftern ihrer Räume
und mit ihrer künstlerischen Gesinnung vereinbaren läßt.
Auch ist, würden selbst alle oder die große Mehrzahl der
eingelieferten Kunstwerke zur Ausstellung gelangt sein,
damit noch lange nicht gesagt, daß alles verkauft und sich
dadurch die wirtschaftliche Lage vieler Künstler bessern
würde. »Ausgestellt« bedeutet noch lange nicht »bemerkt«,
und »bemerkt« noch lange nicht »verkauft«. Es ist ganz
müßig, sich in Vorwürfen gegen Jurys und Systeme zu
ergehen, und in den 10000 refüsierten Werken den Born
des Unheils zu suchen, vielleicht gar von Härte und Miß-
gunst zu faseln. Man begehe doch das Wagnis, juryfreie
Ausstellungen ins Leben zu rufen, — die Unheilsucher
werden alsbald von der Unhaltbarkeit ihrer Vorwürfe durch-
drungen sein. Nicht hier liegt das Übel, das die Lähmung
der wirtschaftlichen Seite unseres Kunstlebens verschuldet,
o In uns, in uns selbst liegt der Kern des Übels. Und
wird so lange liegen, so lange wir den Unsinn nicht aus-
gemerzt haben, uns für Ausnahmsmenschen zu halten und
für unsere Leistungen mit Ausnahmspreisen entlohnt werden
zu wollen. □
□ Ich zähle eine Menge braver, anständiger Familienväter
zu meinen Bekannten, die von einem monatlichen Ein-
kommen von 400—500 Mark gut und beschaulich existieren,
gut essen, sich und ihre Familie ganz gut kleiden, passabel
wohnen und sich sogar eine kleine Sommerreise im Jahre
zu leisten vermögen. Beträgt dieses Einkommen 800 —
1000 Mark im Monat, so ist zu sagen, daß sich davon bei-
nahe sehr gut leben läßt, so man keine nobelen Passionen
hat. Was leistet so ein Mann für dieses Einkommen? Zu-
meist ist es achtstündige tägliche, nur von kurzer Pause
unterbrochene Arbeit, die er dafür zu geben hat. Ein ein-
ziger freier Tag in der Woche, ein kurzer Urlaub im Jahre
— sonst ganz und gar Arbeitsmaschine und Werkzeug in
den Händen seiner Vorgesetzten. Noch anstrengender ist
die Arbeitsleistung bei verhältnismäßig minder gesichertem
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