Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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DAS BUCHGEWERBE AUF DER BRÜSSELER WELTAUSSTELLUNG

des englischen Kunstgewerbes die Bedingungen für die
Entwicklung einer naturalistischen Ornamentik von vorn-
herein ungünstig, so hat der Naturalismus auch in Deutsch-
land keinen entscheidenden Einfluß gewonnen. Die An-
fänge einer gesunden Neuentwicklung, die hier ebenfalls

mit der Verjüngung des Ornaments einsetzen, liegen viel-
mehr da, wo die Naturwiedergabe den materiellen und
formalen Gesetzen der ornamentalen Sprache unterworfen
wird: also im stilisierenden Ornament. □

DAS DEUTSCHE BUCHGEWERBE
AUF DER BRÜSSELER WELTAUSSTELLUNG 1910

Von Heinrich Wieynk-Berlin

ZU den wenigen Abteilungen, die schon in den ersten
Tagen der Eröffnung eine gute Übersicht boten,
gehört die vom Deutschen Buchgewerbe-Verein arran-
gierte Ausstellung. Sie umfaßt eine Gruppe von Einzel-
räumen, die ihre übersichtliche, architektonische Gestaltung
von Oskar Menzel - Dresden erhalten haben. Symbolisch
mag die reizende Lünette im Raum 8 von R. Schulze-
Leipzig erscheinen, darstellend eine kniende, jungfräuliche
Gestalt von Hodlerscher Herbheit, die man deuten kann
als das personifizierte Verlangen nach Erkenntnis in künstle-
rischen Dingen auf buchgewerblichem Gebiete. Ein begreif-
liches Verlangen mit Rücksicht auf die mangelnde Einsicht
mancher Aussteller in der Frage: Was und wie stelle ich
aus? Arthur Woernlein-Leipzig, in dessen Händen die
Organisation der Ausstellung lag, hat die undankbare
und schwierige Aufgabe gehabt, das von den verschie-
denen Ausstellern gesandte Material in zeitraubenden Vor-
arbeiten sichten und herrichten zu lassen, um bei den
charakteristischen Erzeugnissen unseres vielseitigen Buch-
gewerbes auch ein künstlerisches Niveau durchzuhalten.
Wie weit dieser Wunsch Erfüllung finden konnte, zeigt
die Ausstellung. □

o Man betritt zuerst Raum 1, in dem die Reichsdruckerei
ihre Arbeiten vorführt aus den Abteilungen des Buch-, Stein-,
Licht-und Kupferdrucks, der Heliographie und anderen photo-
mechanischen Reproduktionsverfahren; der Buchbinderei
und Schriflgießerei, der Herstellung von Wertpapieren und
Postfreimarken. Von allen diesen Techniken sind in dem
überreichlich zugemessenen Raum gute Beispiele an den
Wänden zu sehen, vielfach aber in unerreichbarer Höhe.
Die Eignung unserer Reichsdruckerei zu originalgetreuer
Wiedergabe alter Kunst ist bekannt, desgleichen ihre vor-
züglichen Resultate im Buchdruck. Darum hätten statt der
vorgeführten Reihe gleichwertiger Beispiele wenige aus-
gesuchte genügt. Inmitten des Raumes sind in Schaukästen
und auf Tischen fertige Bücher und monumentale Druck-
werke ausgelegt, darunter solche, deren innere und äußere
Ausstattung nicht einwandfrei ist. Gute Einbände von
Tiemann, Sattler und Sütterlin wären besonders zu nennen;
von letzterem findet man auch den volkstümlichen Bibel-
druck, den die Reichsdruckerei für die Preußische Haupt-
bibelgesellschaft besorgte. Unbegreiflich in ihrem Inhalt
erscheint die neue, von Sütterlin geschmackvoll angeord-
nete Gesamtprobe der Reichsdruckerei, die das Schriften-
und Schmuckmaterial nachweist. Sie enthält außer einigen
neuen Schöpfungen zum großen Teil veraltetes und un-
zeitgemäßes Druckmaterial, das in keiner Weise als vor-
bildlich gelten kann. Als besondere Geschmacklosigkeit
können die ausgestellten Wasserzeichen - Transparente
gelten, die das belgische und deutsche Herrscherpaar

darstellen. Der anschließende Raum 2 — Papier- und
Geschäftsbücher — bringt einzelnes Gute, ohne neue Wege
zu zeigen. Sie sind für dieses Gebiet aber in der großen
Industriehalle zu erkennen, wo J. C. König & Ebhardt-
Hannover ausstellten. Diese Firma hat mit Erfolg einige
Künstler zu Versuchen für eine neue Ausstattung der Ge-
schäftsbücher veranlaßt. Im Raum 3 — Druckfarben und
Messingschriften — zeigen E. T. Gleitsmann-Dresden
und Max Mühsam-Berlin gute Anwendungen ihrer Druck-
farben; Dornemann & Co., Maaß und Jungvogel - Kre-
feld lassen die Güte ihres Prägematerials mehr in der
technischen als in der künstlerischen Gestaltung erkennen.
Vieles unter dem ausgestellten Schmuckmaterial muß ab-
gelehnt werden. Der folgende Raum 4 zeigt unsere Schrift-
gießereien auf der Höhe ihrer technischen und künst-
lerischen Leistungsfähigkeit. Bauersche Gießerei-Frank-
furt a. M., Gebrüder Klingspor - Offenbach, Stempel-
Frankfurt a. M., Rühl-Leipzig haben vorzügliche Einzelblätter
und Bücher in wirkungsvollen Anwendungen ihrer Erzeug-
nisse ausgestellt, die zum Teil unter der fruchtbaren Mitwir-
kung bekannter Künstler entstanden sind. Genzsch & Heyse-
Hamburg zeigen ebenfalls Qualität, aber auch das Kon-
ventionelle ihrer Geschmacksrichtung, die gerne zwischen
Renaissance und Jugendstil pendelt. Schelter & Giesecke,
sowie Klinkhardt-Leipzig gehen zu ihrem Schaden weiter
Wege, die andere längst zu meiden wissen. o

o Während bisher eine gewisse erkennbare Disziplin den
Blick anzog, beginnt im Raum 5 — Buch-, Stein- und Musik-
notendruck — die zerstreute Ordnung. Das Auge irrt
umher und sucht eine Oase zu reinem Genüsse. Bei den
Erzeugnissen von Trenkler & Co.-Leipzig ist sie nicht zu
finden, bei C. G. Röder - Leipzig auch nicht. Du Mont
Schauberg - Köln a. Rh. und A. Lattmann - Goslar zeigen
einige gute Drucksachen und Julius Klinkhardt-Leipzig vor-
zügliche Farbenlithographien für Lehrbücher. Die Dr. Wild-
sche Buchdruckerei-München hat Wertpapiere ausgestellt,
die in ihrer künstlerischen Qualität noch unsicher sind.
Es folgt Raum 6 —Buchverlag— und Raum 7 — Buch-, Kunst-
und Landkartenverlag. Hier haben unsere großen Verlags-
institute ausgestellt, deren Ruf zwar begründet ist, aber
fast ausschließlich das wissenschaftliche Gebiet betrifft.
Die äußere Gestaltung dieser Erzeugnisse ist nützlich, aber
ohne jeden sinnlichen Reiz. Wo er wirklich erstrebt wird,
erscheint das Resultat wenn nicht geschmacklos, doch pro-
blematisch. Nicht zu reden von der Auswahl für diese
Ausstellung und deren Vorführung. Man sieht fast nirgends
ein planvolles Ausnutzen gegebener Werte, wohl aber sinn-
lose Häufung der Erzeugnisse ohne jeden dekorativen Ef-
fekt. Das Bibliographische Institut (Meyer)-Leipzig stellt
beispielsweise eine Klassiker-Bibliothek von 150 Bänden
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