Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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DIE KUNSTGEWERBESCHULE ALS MÖGLICHKEIT
FÜR DIE AUSBILDUNG ZUM GARTENKÜNSTLER

Von Otto Schulze-Elberfeld

WENN man oft scherzweise darauf hindeutet, daß
dieser oder jener vorsichtig in der Wahl seiner
Eltern oder Schwiegereltern war, oder es beizeiten
verstand, sich den Vetter eines Ministers zum
Freunde zu machen, so möchte ich hier dazu verbessernd
bemerken, daß das schicksalbestimmende Moment uns noch
mehr darin wurzelt: ob wir als Knabe oder Mädchen auf
die Welt kommen, zum andern, welche Ausbildungsgele-
genheit wir finden und welche Menschen, die sich für uns
interessieren. Heute bin ich der Meinung, daß es die
Schule nicht allein macht, ja, daß, wenn es wahr wäre,
wie sich große Pädagogen äußern, daß es keine guten
Lehrer, sondern höchstens gute Schüler gäbe — es unter
Umständen besser sein wurde, wenn sichtbar begabte,
starke natürliche Menschen keine Schule besuchten, son-
dern übi rall im eigentlichen Leben den höchsten Begriff
der Schule fänden. So sollte man auch gerade in Verfolg
unserer Angelegenheit meinen, einer der- zu allererst die
Schule entbehren könnte — müßte der Gärtner und der
Gartenkünstler sein. Weshalb sollten nun aber gerade
diese Berufsgruppen eine Ausnahme machen, weshalb
sollten gerade sie sich einer vertieften, einer abrundenden
Fertigmachimg begeben, die andere Stände, so die Be-
amten, für Zeugnis, Schein und Privileg unbedingt haben
müssen. Man kann wohl sagen, daß ganze Berufsgruppen
infolge der sozialen Bewegung propagierend Standes- und
Wirtschaftsinteressen dünkelhaft und anspruchsvoll ver-
treten haben, ohne jemals tiefere Bildungsinteressen damit
zu verquicken, und daß daraufhin erst Staat und Gesell-
schaft den höheren Ansprüchen die Forderungen höherer
Gegenleistungen entgegenstellen mußten. Es ist daher
sehr erfreulich, daß die Gartenkunstbewegung nicht an der
Oberfläche blieb, sondern, auch die Tiefe aufwühlend,
nun die Bildungsfrage der produktiv-schöpferischen, künst-
lerisch empfindsamen gärtnerischen Kräfte zu einer soge-
nannt brennenden machte.

Ich fürchte fast, daß ich nun doch Partei werde, denn
ich erwärme mich für den Gegenstand mehr als ich an-
fänglich, mich über die Parteien stellend, wollte. Aber
ich will trotz alledem ein ehrlicher Makler bleiben und
nicht mehr bieten als ich zu geben vermag. Nur einen
Punkt will ich jedoch, um meine persönliche Anschauung
nicht ganz zu unterdrücken, hervorheben. Wenn wir bei
der Gartenkunst das Wort Kunst ebensosehr betonen und
unterstreichen wie bei den Bezeichnungen der Schwester-
künste Malkunst, Baukunst und Bildhauerkunst, dann möchte
ich doch der Sache von vornherein kein Trugmäntelchen
umhängen, sondern meiner Meinung ehrlich dahin Aus-
druck geben, daß keine Hochschule, keine Akademie und
selbstverständlich auch keine Kunstgewerbeschule das
lehren kann, was das unterstrichene Wort umfaßt: Kunst
in dem jeweiligen Handwerk, jenes Mehr über das All-
tägliche hinaus, was die Mitlebenden überdauert und die
Nachwelt beschäftigt. Das müssen die Studierenden resp.
Schüler mitbringen, das müssen wir bei ihnen wecken,
zum Licht bringen und pflegen unter Hintansetzung unserer
persönlichen Interessen. Keine höhere Mathematik, keine
vertieften botanischen Studien, keine Wissenschaft vermag
zu helfen, wenn jenes göttliche Pfund der freien Erfindung
und des geschmacklichen Plus an der Individualität des
selbst raffiniert fachlich und technisch gebildeten Menschen
fehlt. Bei solchem Mangel ziehen wir günstigen Falles
tüchtige Verwaltungsbeamte, aber keine Künstler des gärt-
nerischen Berufes groß. Und wenn wir uns in dieser

Beziehung nicht falsch verstehen, so wollen wir doch das
letztere erstreben. Gute Gartenbeamte könnte man ja
schlimmsten Falles schließlich auch mit ergänzender Nach-
bildung aus den akademischen Kreisen der Forst- und
Landwirtschaftler entnehmen. Haben sich doch auch im
andern Sinne Maler, Bildhauer und Architekten nicht ge-
rade wegen ihres Überflusses an fachgärtnerischer Bildung
sehr berufen gefühlt — in Gartenkunst zu machen. Bei
unserem Thema dreht es sich aber darum, da wir grund-
sätzlich von Dilettantismus .und Autodidaktentum absehen
wollen, dem Berufsgärtner, dem Gartentechniker, sagen
wir auch getrost Gartenarchitekt und damit Gartenkünstler,
jene Ausdrucksmittel für die künstlerische Gestaltung seines
von der Natur erst indirekt abhängigen Werkes an die
Hand zu geben resp. wecken zu helfen über das gewöhn-
liche Maß der handwerktechnischen Erfüllung seines Be-
rufes hinaus. So kann ich auch nur die gestellte Frage:
»Was bietet dafür die Kunstgewerbeschule?« nach Maß-
gabe meiner eigenen Erfahrung und objektiven Stellung-
nahme als Leiter einer modernen Kunstgewerbeschule
beantworten.

Ich setze voraus, daß der eine Kunstgewerbeschule
zwecks künstlerischer und geschmacklicher Ausbildung auf-
suchende Zögling der Gartenkunst mindestens eine gute
fachliche Ausbildung in einer, sagen wir Kunst- und Han-
delsgärtnerei mitbringt, denn ein gutes Maß Praxis ist
jedem Künstler notwendig; auch der vorherige Besuch
von etwa zwei Semestern einer Gartenfachlehranstalt soll
erwünscht, aber keineswegs Bedingung sein. Ich werte
hierbei den Gärtnerberuf wie jedes andere Handwerk,
dessen jungen Gehilfen sich die Tagesklassen unserer
Kunstgewerbeschulen auch erst nach bestandener Meister-
lehre öffnen sollen. Solchem Gärtnerzögling soll also die
Schönheit seiner Material- und Arbeitsmittel erschlossen
werden. Er muß Schönheit sehen und Schönheit empfinden
und sie umschreiben lernen, und zwar durch Anschauungs-
material der verschiedensten Art und mit jenen Darstellungs-
mitteln, deren sich die Zeichen- und Malkunst von jeher
bedient hat. Er wird Freihandzeichen und Aquarellieren
in gleichem Maße zu üben und zu pflegen haben wie die
exakteren Arten des Linearzeichnens: darstellende Geome-
trie, Parallelprojektion, Isometrie, Perspektive und Be-
leuchtungslehre mit Schattenkonstruktion. Auch bei ihm
kommt es zunächst darauf an, an der Hand von Linien,
Farben, Plastik und Raumtiefe die graphische Darstellung
seiner Entwürfe, also künstlerischer Eigenarbeit, vorerst
auf dem Papier zu verkörpern und bei eventl. nötig wer-
dender Erweiterung in maßstäblichen kontrollierbaren
plastischen Terrainmodellen zu steigern und zu kommen-
tieren. Die Freihandzeichenstudien wie auch die Mal-
studien sollten als Mittel zum Zweck nur vor farbigen
Naturpräparaten und lebenden Modellen gemacht werden,
möglichst mit Ausnützung größerer Übungen (höhere Stufe)
in verschiedenen Gärten und der engeren und weiteren
Landschaft in bezug auf Park, Wald und auch wechsel-
reiches Gelände unter Berücksichtigung der natürlichen
Bedingungen. Kohle- und Bleistiftzeichnung, Feder- und
Pinselübung, monochrome und polychrome Wiedergabe
von Einzelheiten und Massen führen zu charakteristischer
und auch typischer Darstellung. Daraus erstehen die
Hilfsmittel, das Baumaterial auch für die innerlich auf-
steigenden Bilder und Pläne, die anfänglich Reflexe ge-
habter Eindrücke sind, später unbewußt Eigenes der Seele
werden. Es kommt auf Stimmungen an; sie müssen zu
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