Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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DIE MOHAMMEDANISCHE AUSSTELLUNG IN MÜNCHEN







Brokate. Türkei, 17. Jahrh. Aus dem Metropolitan-Museum. New York

Kunst der arischen Rasse ist anthropomorph, sie gestaltet
Ideen und macht den Menschen als das voll-
endetste Wesen zum Träger derselben. Die Kunst
der semitischen Rasse ist ideenlos, der Orientale sche-
matisiert die Naturvorbilder und gelangt so zum ab-
strakten Ornament. Die europäische Kunst verfolgt
höhere Ideen, die islamische stets nur einen prak-
tischen Zweck. Dies die beiden Pole. Weiter fol-
gend kommt man zu dem Schluß, den die Historie
nur bestätigt, daß der Semite ohne Einmischung des
Ariers überhaupt nie zur Kunst gekommen wäre.
Die ältesten Schichtungen der Kunst in Vorderasien
legen davon Zeugnis ab. Von einer bodenständigen
Kunst der semitischen Araber in ihrer Urheimat, auf
der arabischen Halbinsel, wissen wir nichts. Die
mesopotamischen Völker aber, die Assyrer und Baby-
lonier, hatten schon arischen Einschlag. Je stärker
dieser wurde, desto mehr blühte die orientalische
Kunst: die Perser und die Inder wurden schließlich
die Hauptträger derselben. □

□ Diese in der semitischen Rasse wurzelnde Ab-
neigung, nicht aber ein Bilderverbot des Koran, war
der Grund, daß die künstlerische Gestaltung des Men-
schen der islamischen Kunst fremd geblieben ist. Nie
ist es dem Propheten eingefallen, seinem Volk die
Nachbildung des Menschen zu verbieten, oder auch
nur davor zu warnen. Erst spätere orthodoxe Kom-

mentatoren leiteten dieses Verbot aus einem Passus
der fünften Sure des Korans ab, der den Gläubigen
den Wein, das Spiel und »ansab«, d. i. heidnische
Altäre für Ölopfer verbietet. Die völlig willkürliche,
ja fälschende Auslegung dieser Stelle seitens fanatischer
Eiferer wurde später von den, der Sprache zu
wenig kundigen Europäern kritiklos übernommen
und seitdem grassiert das Ammenmärchen vom isla-
mischen Bilderverbot als bequeme materialistische Er-
klärung der fehlenden Gestaltungsfähigkeit nicht nur
in Laienkreisen. Schon Moses hatte seinem Volk das
unerlaubte Opfern auf Altären verboten (II, 30). Er
ging aber weiter und sagte ausdrücklich: »Du sollst
dir keine gegossenen Götter machen« (II, 34, 17).
Dieses Verbot wurde von der christlichen Kirche im
»ersten Gebote Gottes« aufgenommen. Hier könnte
man demnach mit größerer Berechtigung von einem
Bilderverbot sprechen. Was aber halfen die griechi-
schen und späteren Bilderstürme im Reich der christ-
lichen Religion? Sie konnten den künstlerischen
Drang einer Rasse vorübergehend hemmen, nie unter-
drücken! D
□ Noch ein anderer Aberglauben verbindet sich mit
dem ersten zur Erzeugung eines grundfalschen Be-
griffs vom Mohammedaner: das Märchen von seinem
religiösen Fanatismus. Zugegeben, daß Mohammed
Wein und Spiel verboten hat. Hat sich das Volk
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