Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU







neueren Werke ausgestellt. Der Künstler besitzt die Gabe,
das Wesentliche hervorzuheben und in großen Linien und
Flächen wirken zu lassen, wobei das Material alle in ihm
ruhenden Schönheiten offenbart. Die Kunst Schreyöggs
leitet zur monumentalen Bauplastik über und ist geeignet,
die Schüler die Beherrschung des Raumes und die Unter-
ordnung unter seine Gesetze zu lehren. — Die Ausstellung
Radischer Volkskunst ist Anfang Juli im Kunstgewerbe-
Museum von Direktor Hoffacker im Beisein des Großherzog-
lichen Paares eröffnet worden. Sie bietet außerordentlich
viel Interessantes in Möbeln, zahlreichen Einzelgegenständen,
Trachten und Schmuck. Die Aufgabe, das im Badischen
Lande Vorhandene zu sammeln, war gewiß nicht leicht
und konnte nur mit Hilfe vieler Kunstfreunde, insbesondere
des Klerus gelöst werden. Wir werden über diese Aus-
stellung noch ausführlicher berichten. °
n Karlsruhe. Im Anfang des vergangenen Winters hat
sich in Karlsruhe eine Gruppe badischer Künstler zu einer
Vereinigung für angewandte Kunst zusammengeschlossen.
Zweck und Aufgabe der Vereinigung liegen im Namen
ausgedrückt: es ist die Förderung derjenigen Kunst, die
mit den Bedürfnissen des praktischen Lebens verwachsen
ist. Außer Karlsruhe sind auch die übrigen Hauptstätten
des Badischen Kunsthandwerks — namentlich Pforzheim,
Baden-Baden, Freiburg und Konstanz — in der Vereinigung
vertreten. Die organisatorische Tätigkeit liegt in den
Händen eines Künstlerausschusses, dessen erster Vor-
sitzender Professor Karl Ule ist. Die Vereinigung ist in
diesem Sommer mit einer Ausstellung, für die der
hiesige Kunstverein seine Räume zur Verfügung stellte,
zum ersten Male vor die Öffentlichkeit getreten. Ent-
sprechend dem Charakter und dem Zweck der Ausstellung,
gibt sie durchweg Beispiele, die unmittelbar aus dem
praktischen Leben gegriffen sind. Die Säle und Kabinette
des Kunstvereins sind zu Wohn- und Geschäftsräumen
mancherlei Art ausgebildet worden, z. T. mit Ausnützung
besonderer gegebener Bedingungen: in diesem Sinne ist
das Treppenhaus von Gustav Creze/ins als Hotelvorhalle
eingerichtet worden; der große Hauptsaal, in dem die
Detailkunst gezeigt wird, ist als Kaufhalle eines Kaufhauses
gedacht; die Deutschrenaissance des letzten Saales hat
Karl Ule zur Einrichtung eines studentischen Kneip- und
Konventzimmers inspiriert. □
□ Von besonderem Interesse sind die eigentlichen Wohn-
räume. Hier tritt Hermann Göhler mit einem Herrenzimmer
von starker fertiger Wirkung zum ersten Mal als Raum-
künstler auf. Der erste Schritt auf dem neuen Gebiet be-
deutet einen guten Erfolg. Der Raum wirkt in Form und
Farbe als einer der geschlossensten. Eine aparte farbige
Note spielt auch Hans Großmann mit einer Diele mit
Vorraum aus. In den Möbeln ist an gewisse Motive der
Biedermeiertradition in feiner und origineller Weise an-
geknüpft worden. Leider leidet die Einheitlichkeit der
Wirkung etwas unter den ungünstigen architektonischen
Bedingungen des Raumes, wie sie dem Künstler gegeben
waren. Der Eingangssaal ist von Hermann Billing zu
einem reichen, auch mit Kuntwerken reichgeschmückten
Empfangszimmer ausgebildet worden. In den Möbeln
zeigt sich, daß sich die Neigung des Künstlers, durch
barockisierende Formenbehandlung originelle Wirkungen
zu erzielen, gegen früher wesentlich gemildert hat. Unter
dem künstlerischen Schmuck der Wände fügen sich nament-
lich die Landschaften von Rudolf Hellwag sehr glücklich
in den farbigen Akkord der Raumstimmung ein. Mit einem
Kinderzimmer, das Hellmut Eichrodt eingerichtet hat, zeigt
sich der Künstler auf einem ihm besonders vertrauten Ge-
biet. Das Spielzeug ist teils von Eichrodt teils von Ivo

Puhonny entworfen. Im übrigen können wir uns über
die Einzelheiten kurz fassen. Besonders reich ist die Kera-
mik vertreten; trotz mancher Lücken — so fehlen z. B.
Länger und Schmidt-Pecht — repräsentiert sie sich doch
als ein Hauptzweig des badischen Kunsthandwerks mit den
großen Kollektionen der Großherzoglichen Majolikamanu-
faktur, von Seidler-Konstanz u. a. Auf dem Gebiet der
Metallkunst gab die Ausstattung seines Hotelvorplatzes
Gustav Crezelius Gelegenheit, sein feines Form- und
Materialgefühl in der Bearbeitung von Messing zu betätigen.
Ein guter Gedanke war der, auch die einfachste Art von
Kunst, die in Verpackungen, Reklamen, Etiketten u. dergl.
auftritt, an Musterbeispielen zu zeigen; doch hätte man
hier noch etwas steigern und sichten können. Die be-
malten Holzarbeiten (Schachteln u. dergl.) von Joho u. a.
zeigen gelungene Erneuerungen dieser untergehenden Art
von primitiver Handwerkerkunst. Ein schönes Glasfenster
mit abstrakter Ornamentierung hat Ule für sein Kneip-
zimmer geschaffen. Im übrigen lag es nicht in der Auf-
gabe der Ausstellung, mit überraschenden Neuheiten auf-
zuwarten; in der Betonung der Anwendung liegt ihre
eigentliche Bedeutung. Für die Würdigung dieser ersten
Leistung der Vereinigung muß auch noch angerechnet
werden, daß außerordentlich kurze Zeit zur Verfügung
stand und alle Kosten aus privaten Mitteln bestritten werden
mußten. %, w.

□ Kassel. Im Hofe der alten Kunstakademie hat die
hiesige Gewerbehalle eine »Ausstellung für Friedhofskunst"
veranstaltet und den ansässigen Bildhauern bedeutende
Anregung gegeben. Die meisten der ausgestellten Denk-
mäler sind nicht von außerhalb fertig hergebracht worden,
sondern nach Entwürfen Kasseler Künstler von Kasseler
Steinbildhauern, meist in hessischem Sandstein, ausgeführt
worden. Besondere Verdienste um das Zustandekommen
und das Arrangement der Ausstellung hat sich der Lehrer
an der Kunstgewerbeschule Herr Sautter erworben. Es
wird hoffentlich gelingen, diesen künstlerisch und wirt-
schaftlich bedeutenden Gewerbezweig auch hier dauernd
zu beleben, wozu hierdurch ein guter Anfang gemacht
worden ist. □

ü Königsberg. Die größte Ausstellung von Friedhofskunst,
die bisher in Deutschland veranstaltet wurde, befindet sich
in Königsberg auf einem alten Friedhof inmitten der Stadt.
Das Terrain ist in hervorragendster Weise geeignet, und
wurde unter Leitung des Regierungsbaumeisters F. Lahrs
in vornehmer und künstlerisch bedeutender Weise ausge-
nutzt. Neben der modernen Abteilung, in der wir alle in
diesem Fach bedeutenden Architekten und Bildhauer ver-
treten sehen, befindet sich noch eine geschichtliche Ab-
teilung von Holzgrabzeichen aus Littauen und dem Ober-
lande und dem Judenfriedhof. Die Kosten der Ausstellung
wurden von Kunstfreunden aufgebracht und um ihr Zustande-
kommen hat sich besonders Professor Ludwig Dettmann
verdient gemacht. o

d London. Die japanische Abteilung der Japanischen
Britischen Ausstellung hält sich beinahe durchweg auf einer
bedeutenden Höhe. Die Auswahl konnte sehr streng ge-
troffen werden, da sich die besten und ältesten Sammlungen
Japans bereitwillig geöffnet und das Vorzüglichste zur
Verfügung gestellt haben. Im Kunstgewerbe sind haupt-
sächlich Bronzen, Porzellan, Holzschnittwerke und Lack-
arbeiten vertreten. Leider aber ist die Aufmachung des
Ausstellungs-Terrains durch die englischen Unternehmer
sehr mißglückt und macht aus der ganzen Veranstaltung
einen Rummelplatz, der der Würde und Qualität der von
Japan gesandten Gegenstände nicht entspricht. n

Für die Redaktion des Kunstgewerbeblattes verantwortlich: Fritz Hellwao, Berlin-Zehlendorf
Verlag von E. A. Seemann in Leipzig — Druck von Ernst Hedrich Nachf., o. m. b. h. in Leipzig
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