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Deutscher Altphilologenverband [Editor]
Mitteilungsblatt des Deutschen Altphilologenverbandes — 29.1986

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Nr. 1
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Fortsetzung (Ende?) eines Briefwechsels
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Burnikel, Walter: [Schon seit langem hat sich die Redaktion...]
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Kubina, Bruno: Wesenhaft verwandte Seelen psychologisch entdeckt oder Ein Herz für die kleinen Leute
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https://doi.org/10.11588/diglit.35877#0021

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Briefwechsel auf die wirklich kontroversen sachlichen Punkte zurückzuführen, der le-
se diese sehr eingehende Rezension; noch besser: er kaufe sich auch die Kassette(n).
Joseph Fischer führt in seinem hier abgedruckten Brief an J. Calaminus diese Seite der
Diskussion nicht weiter, sondern greift eine Frage aus dem 1. Brief Calaminus' auf:
"Sind eure Stammtische auch immer so?« und berichtet, wie es in seinem Duisburger
lateinischen Gesprächskreis zugeht. Sein Brief gewinnt so eher allgemeinen Charakter;
man könnte ihn genauso gut mit "Sehr geehrter Lateinlehrer!« (nicht sexistisch ge-
meint!) überschreiben. Schön wär's, wenn die darin ausgesprochene Forderung, daß
der Lateinlehrer zu einer ^selbstverständlichen sprachlichen Aktivität« finden muß, als
Herausforderung empfunden und zu einem neuen Briefwechsel führen würde!
DR. W. BuRNiKEL, Am Daumernberg 14, 6690 St. Wendel
Wesenhaft verwandte Seelen psychologisch entdeckt oder
Ein Herz für die kleinen Leute
Auf das Vorderblatt der Einladung zu seiner Geburtstagsfeier hat der einladende Jubi-
lar vier Verse eines bekannten Gedichtes aus der Sammlung Carmina Burana setzen
lassen:
1 Bibit hera, bibit herus,
2 Bibit miles, bibit clerus,
3 Bibit ille, bibit illa,
4 Bibit servus cum ancilla ...
In diesen vier Zeilen verkündet der mittelalterliche Dichter freudig und begeistert wei-
ter nichts, als daß hoch und niedrig dem Becher ergeben ist. Unbewußt aber sagt
er mehr. Er verrät etwas von seiner sozialen Einstellung, und das, indem er ein Bild frü-
her ständischer Ordnung erscheinen läßt. (Das Unbewußte: Seit der Antike über Sieg-
mund Freud bis in unsere Zeit Gegenstand der Psychologie.)
Irgendwann einmal muß der Poet irgendein unangenehmes Erlebnis, das mit seinem
sozialen Status innerhalb der ständischen Ordnung zusammenhing, ins Unbewußte
verdrängt haben. Dieses verdrängte Unangenehme hat den Dichter die vier Verse,
ihm unbemerkt, so gestalten lassen, daß sie dem prüfenden Betrachter die Möglichkeit
einer sozusagen Nebeninterpretation bieten.
Frühe ständische Ordnung stellt Goethe, Faust II, Akt 1 so dar:
Kaisers alten Landen
Sind zwei Geschlechter nur entstanden,
Sie stützen würdig seinen Thron:
Die Heiligen sind es und die Ritter ...
Vergleichen wir: Kaiser = herus, Heiliger - clerus, Ritter = miles. Von des Kaisers
sonstigen Untertanen wird nichts gesagt — ganz natürlich, denn sie gehören nicht zu
den Geschlechtern (Ständen). Unser Dichter dagegen nennt die Ungenannten. Sie er-
scheinen in Vers 4, mit servus cum ancilla. Hier gibt es kein Asyndeton wie in den Ver-
sen 1-3, sondern ein bedeutungsschweres cum mit seinen beiden Nomina ancilla und
servus. Servus (Unfreier), nicht - etwa - puer (Diener) steht im Text; passend, denn
cum signalisiert das unterschiedslose "Miteinander, die Masse, den Nichtstand, die

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