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Deutscher Altphilologenverband [Editor]
Mitteilungsblatt des Deutschen Altphilologenverbandes — 29.1986

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Nr. 4
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Aufsätze
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Beil, Adolf: Die Heimkehr des Odysseus
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https://doi.org/10.11588/diglit.35877#0106

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Aufsätze

Die Heimkehr des Odysseus^ (!)
,,!m Rahmen der gymnasialen Oberstufe ist auch das Fach Griechisch ihrem
Unterrichts- und Erziehungsauftrag verpflichtet, d.h. dem Doppelziet, dem Schüler ei-
ne wissenschaftspropädeutische Ausbildung zu vermitteln und ihm Hilfen zur Selbst-
verwirklichung in sozialer Verantwortung zu geben..."2. Zur Vermittlung solcher Hil-
fen dürfte die Auseinandersetzung mit den Themen des Lernbereichs IV: ,Antworten
der Griechen auf Grundfragen der menschlichen Existenz"^ besonders geeignet sein.
Die Entfaltung des Individualbewußtseins, die Fragen nach der Bedeutung der Selbst-
und der Wesensverwirklichung des Menschen, nach dem Sinn und der Notwendigkeit
zwischenmenschlicher Bindungen, die Frage, was Heimat ist und was das Daheimsein
ausmacht, sind derzeit - und wohl immer - aktuelle Themen. Sie gehören auch zu den
wichtigen Themen der Odyssee, besonders ihres zweiten Teils vom 13. Gelang an,
wenn sie auch schon seit dem Proömium immer wieder gegenwärtig sind. Es ist offen-
bar die Auffassung des Dichters, daß dem Menschen ohne zwischenmenschliche Be-
ziehungen individuell je besonderer Art Entscheidendes zur Verwirklichung seines
Selbst fehlt. Er zeigt dies besonders am Beispiel von Penelope und Odysseus und ih-
rem Erleben von Trennung und Wiedervereinigung in Vertrautheit und Geborgenheit.
Uvo Hölscher hat in seinem Aufsatz ,,Die Erkennungsszene im 23. Buch der Odyssee"
die Aufmerksamkeit des Lesers vor allem Penelope und ihrem Erleben der Wiedererken-
nung ihres heimgekehrten Mannes zugewandf*. Dieser Aufsatz macht wichtige Aspekte
der Darstellung und Charakterisierung Penelopes durch den Dichter und damit seines
Darstellungswillens und Bewußtseins deutlich und ist damit für das Verständnis der
Dichtung wie des Dichters von großem Wert. Aber die Hauptperson des Epos, sein
Hauptheld, ist Odysseus; die Betrachtung gerade seines Verhaltens und Erlebens bei sei-
ner Heimkehr, seiner Wiedererkennung und seiner Anerkennung durch seine Frau läßt
Einsichten in Bewußtsein und Darstellungsabsichten des Dichters, die wichtige Grund-
fragen der menschlichen Existenz betreffen, in besonderem Maße erwarten.
Diese Erwartung kann schon der Aufbau der Heimkehrerzählung stützten. Mit Recht
rühmt man an ihr die Ökonomie der Darstellung, nämlich die Raffung des mehrjähri-
gen Geschehens bis zur Abfahrt von den Phäaken zu einer Erzählung, die nur 28 Tage
umfaßt, und mit Recht rühmt man die Kompositionskunst des Dichters, der die Menge
des Stoffs so ordnet, daß er die Darstellung der Abenteuer des Odysseus mit der vor-
letzten Station vor der Heimkehr nach Ithaka, d.h. mit seinem Aufenthalt auf der Insel
Ogygia, beginnt und die vorausgehenden Abenteuer den Helden selbst am Hofe des
Alkinoos, der letzten Station seiner Irrfahrt, berichten läßt.
Diese Kunst der Komposition hat außer dem Gewinn, der in der Raffung der Stoffülie
liegt, im Gewinn der Übersicht und in der interessanten, sicher reizvolleren Gestal-
tung, als sie eine schlichte Reihung böte, auch Gründe, die darüber weit hinausgehen.
Mit der Trennung von Kalypso, ihrer paradiesischen Insel und dem Leben in Genuß

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