Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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2.2. Stadtchronistik als »Identitätserzählung<

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spiele/ Im Folgenden soll daher eine Probe- beziehungsweise Tiefenbohrung
zur Überprüfung seiner pointierten Thesen am Beispiel der Reichsstadt im 15.
und 16. Jahrhundert versucht werden.
Unumgänglicher Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit diesem The-
menkomplex ist die 1862 bis 1874 entstandene fünfbändige Edition zur Nürn-
berger Historiographie, mit der Carl Hegel die Chroniken der deutschen Städte
eröffnete/ Sie soll hier einführend näher vorgestellt werden, sind das Projekt,
seine Prämissen, die Umsetzung wie auch seine Wirkungen in der Rezeption
doch in der Forschung zu einem vieldiskutierten Gegenstand avanciert: Joa-
chim Schneider bewertet die Editionssituation der Nürnberger Chronistik zwar
als insgesamt »vergleichsweise gut«/ Doch gerade seine Handschriftenanaly-
sen Nürnberger Chronikkompilationen, aber auch die Forschungen Sprandels
und Wriedts offenbarten die aus den Editionsgrundsätzen der Reihe resultie-
renden Probleme, die die Texte häufig stark gekürzt oder aber als Sammel-
surium aus verschiedenen Handschriften kompiliert beziehungsweise gegen
die in den Archivalien Vorgefundene Reihenfolge neu geordnet präsentieren/"

7 Ebd., S. 52. Lottes' Untersuchung behält allgemein den weiten »Raum des Heiligen Römischen
Reiches samt seinem kulturellen Einzugsbereich« im Blick, eine »Zone schwacher Zentral-
gewalt« von Oberitalien über Deutschland bis nach Niederburgund, in der der Anstieg der
städtischen Historiographie vor allem fassbar werde, während sich in Frankreich und Eng-
land keine vergleichbare Überlieferung finden lasse.
8 Erschwert wird die Arbeit mit und Bewertung der Edition insbesondere dadurch, dass ein
Großteil der von den Herausgebern genutzten und angeführten Überlieferungsträger entwe-
der den Aufbewahrungsort oder aber die Signatur wechselten, unter der sie in den entspre-
chenden Nachfolgeinstitutionen der Archive und Bibliotheken des 19. Jahrhunderts geführt
wurden. Um die Zuordnung zu erleichtern, sind bei den in der Arbeit zitierten Handschriften
zusätzlich zu den aktuellen Signaturen auch die Angaben aus den Chroniken der deutschen
Städte angeführt.
9 SCHNEIDER, 2000a, hier S. 181.
10 Zur Kritik an der Edition der Chronik Deichslers vgl. SCHNEIDER, 2000b, S. 10-12, zur Kri-
tik am Druck von Ulman Stromers PücM vgl. SCHNEIDER, 2000a, S. 183, und RoLF SrRANDEL,
Chronisten als Zeitzeugen. Forschungen zur spätmittelalterlichen Geschichtsschreibung in
Deutschland, Köln, Weimar, Wien 1994, S. 34—36. Ebenfalls zu Stromer, zugleich aber auch
zur Gesamtanlage der »Deutschen Chroniken« unter der Ägide von Carl Hegel vgl. KLAus
WRiEDT, Bürgerliche Geschichtsschreibung im 15. und 16. Jahrhundert. Ansätze und Formen,
in: Städtische Geschichtsschreibung im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit, hg. von
PETER JoHANEK, Köln, Weimar, Wien 2000 (Städteforschungen A 47), S. 19-50, hier S. 19-22.
S. schließlich auch die Kritik von WoLFGANG Ftm. STROMER voN REICHENBACH, Das Schrift-
wesen der Nürnberger Wirtschaft vom 14. bis 16. Jahrhundert. Zur Geschichte oberdeutscher
Handelsbücher, in: Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte Nürnbergs, Bd. 2, hg. vom Stadtarchiv
Nürnberg, Nürnberg 1967, S. 751-799, hier S. 781-785. Stromer von Reichenbach bezweifelt
implizit, dass die im PücM mitgeteilten politischen Ereignisse, die in der Edition nicht einmal
die Hälfte des Textes darstellen, »aus dem Püchel eine >Chronik< machen« (S. 783), wie das
durch den Abdruck in den Chroniken der deutschen Städte impliziert sei. Statt dessen cha-
rakterisiert er das Pt'kPd als Geschäftsbuch mit aktuell-praktischer Bedeutung für Stromers
Firma, das vorrangig eine Funktion als Salbuch zur Verzeichnung von Eigentum, Rechten und
Dauerverträgen sowie als systematische Aufzeichnung von Währungen, Tarifen, Handelsver-
günstigungen und -bräuchen zu verstehen sei.
Dass die Kritik trotzdem nicht in neuerlichen Editionsbemühungen mündete, kommt nicht
von ungefähr: In einer Zeit der explodierenden Verschriftlichung und Vervielfältigung ent-
puppen sich die Varianten und Redaktionen einzelner Werke als so zahlreich und unüber-
sichtlich, dass eine sinnvolle Präsentation als Edition kaum mehr möglich erscheint. Weder in
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