Schludi, Ulrich
Die Entstehung des Kardinalkollegiums: Funktion, Selbstverständnis, Entwicklungsstufen — Mittelalter-Forschungen, Band 45: Ostfildern, 2014

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2. Vom Senat des Papstes zum Rat der Kardinale

daher auch nach Februar 1130 alle diejenigen unter den Kardinalbischöfen,
Kardinalpriestern und Kardinaldiakonen fassen, die besonders häufig als Mit-
arbeiter und Berater des Papstes an der Kurie zugegegen waren. Dabei lässt
sich aufgrund der Unterschriften allerdings nicht ablesen, in welcher Funkti-
on der jeweilige Kardinalkleriker für den Papst besonders wichtig war, ob als
Legat, als Berater bei Prozessen an der Kurie oder in einer anderen Funktion.
Folgern lässt sich aus den Unterschriftenlisten jedoch, wer dem engeren Be-
rater- bzw. Mitarbeiterkreis des Papstes angehörte, wie sich dieser veränderte,
wie lange ihm Personen jenseits des höheren römischen Kardinalklerus ange-
hörten und in welchem Verhältnis er sich aus den Mitgliedern der drei Ordines
der Kardinalbischöfe, Kardinalpriester und Kardinaldiakone zusammensetzte.
Aufgrund der Zahl der Unterschriftenplätze ingesamt, also der eingetragenen
Unterschriften sowie der leer gebliebenen Plätze, kann man sogar Aussagen
über die Anzahl der Kardinalkleriker machen, die in einer bestimmten Phase
im Mittel jeweils gleichzeitig an der Kurie als Berater und Mitarbeiter agierten.

2.2. Auswertung der Unterschriftenlisten
2.2.1. Vorbemerkungen
Ein richtiges Verständnis der im Folgenden vorzunehmenden Auswertung
der Unterschriftenlisten setzt einige Vorbemerkungen voraus. An erster Stelle
ist zu betonen, dass die Zahl der ausgewerteten Urkunden vor dem Beginn
des anakletianischen Schismas nicht übermäßig groß ist. Insgesamt 114 (118)
Papsturkunden dieses Zeitraums wurden in die Untersuchung einbezogen:
6 Papsturkunden Urbans II., 50 (53) Urkunden Paschalis' II., 5 Urkunden
Gelasius' II., 32 (33) Urkunden Calixts II. und 21 Urkunden Honorius' 11.'^ Die

188 Papsturkunden Urbans II. mit Kardinalsunterschriften: U 1-6, einschließlich der beiden Ju-
dikate U 2-3 (vgl. zu den U-Nummern jeweils das Urkundenrepertorium im Anhang) - die
Judikate (vgl. zu dieser Urkundenart oben, Anm. 53) mit Kardinalsunterschriften aus den
Pontifikaten Urbans II. und Paschalis' II. wurden bewusst einbezogen, da die CHMsae jeweils
in Anwesenheit des Papstes verhandelt wurden und die darüber ausgestellten Urkunden
einschließlich der Unterschriften dieselbe Funktion erfüllten wie päpstliche Privilegien mit
Kardinalsunterschriften, die die Entscheidung eines Prozesses an der Kurie beurkundeten;
Urkunden Paschalis' II.: U 7-59, darunter zwei Judikate, U 35 und U 48, und drei Fälschun-
gen mit möglicherweise echten Unterschriftenlisten, U 13, 32, 37, die im Folgenden nur,
wenn es ausdrücklich angegeben wird, einbezogen werden; Urkunden Gelasius' II.: U 60-64;
Urkunden Calixts II.: U 65-97; U 84 ist eine Fälschung, die nach HÜLS, Kardinäle, S. 69, n. 168,
nachgezeichnete Unterschriften trägt, die insofern von einer echten Urkunde stammen mögen
- auch diese Urkunde wurde nur einbezogen, wenn dies ausdrücklich vermerkt ist; Urkunden
Honorius' II.: U 98-118; Fälschungen mit eindeutig gefälschten Kardinalsunterschriften
wurden nicht berücksichtigt. Alle in diese Untersuchung einbezogenen Papsturkunden
mit Kardinalsunterschriften werden im Urkundenrepertorium im Anhang auf gelist et. Aus-
gewertet wurden neben der Liste bei HÜLS, Kardinäle, S. 51-77, folgende Editionen: MiGNE,
Patrologia Latina, PH 1-111, sowie die Urkundeneditionen und Regestenbände des Papst-
urkundenwerks. Ausgewertet habe ich ferner alle Urkunden, die das Marburger Lichtbild-
archiv gesammelt hat, sowie die Urkundenabschriften, die Sammlung entlegener Drucke
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