Schludi, Ulrich
Die Entstehung des Kardinalkollegiums: Funktion, Selbstverständnis, Entwicklungsstufen — Mittelalter-Forschungen, Band 45: Ostfildern, 2014

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3. Wahlrecht des Kardinalkollegiums

zu machen. Nachrichten über diese Vorgespräche haben sich aber nicht erhal-
ten. So bleibt nur die Tatsache, dass die Laien bzw. im Besonderen der Adel
1088 durch einen eigenen Legaten vertreten waren. In formaler Hinsicht ist
dies eine Aufwertung der Beteiligung der römischen Laien an der Papstwahl,
bedingt durch das besondere Wahlverfahren. Welche Rolle dieser Legat in
Terracina gespielt hat, bleibt allerdings unklar. Dass er als Laie in gleicher Wei-
se wie die übrigen Legaten an den Verhandlungen beteiligt gewesen wäre, ist
jedenfalls unwahrscheinlich - zumal 1088 in Terracina wohl überhaupt keine
Verhandlungen mehr stattfanden, die diesen Namen verdient hätten.

3.4. Die Wahl Paschalis' II. (13. August 1099)

Am Anfang der Wahl eines neuen Papstes stand möglicherweise auch im Som-
mer 1099 die Designation eines Nachfolgers durch den im Sterben liegenden
Bischof von Rom. So berichtet Ekkehard von Aura, dass Urban II. den Kardinal-
priester Rainer von S. Clemente als seinen Nachfolger designiert habe.^ Die-
se Nachricht ist in der Forschung umstritten.^ Sie passt aber in jedem Fall
in die Tradition der Reformpäpste. Das andauernde Papstschisma mochte es
zudem nahegelegt haben, diesen Schritt erneut zu gehen.^ Die Wahl Rainers
von S. Clemente selbst wird nur von einer einzigen Quelle ausführlicher dar ge-
stellt, von den Gesten Paschalis' II. im Liber PontificatisA" Hier wird berichtet.

586 Ekkehard von Aura, Chronik, Recensio I, ad a. 1099, S. 158, Z. 25-28. - Zur Person Rainers und
dessen Pontifikat SERVATius, Paschalis II., HÜLS, Kardinale, S. 160f., n. 2, CANTARELLA, Ecclesio-
logia, DERS., Pasquale, DERS. - RoMAGNon, Guastalla.
587 Keinen Wahrheitsgehalt messen ihr MARTENS, Besetzung, S. 261, n. 109, MEYER voN KNONAu,
Jahrbücher V, S. 78, Anm. 32, zu, dagegen HoLDER, Designation, S. 55f., SCHILLING, Calixt II.,
S. 393f. mit Anm. 21, unentschieden BECKER, Urban II., Bd. I, S. 113 mit Anm. 375.
588 SCHILLING, Calixt II., S. 394, vermutet als Motiv für die Designationspraxis der Reformpäpste,
dass man über sie eine »ununterbrochene Verbindungslinie [...] zwischen Gregor VII. und den
von ihm und seinen Nachfolgern designierten« Päpsten habe hersteilen wollen, »von denen
sich noch der letzte auf diese Weise ins Amt gekommene Statthalter Petri als in Gregors Tradi-
tion stehend empfinden konnte.« Als einer der ältesten, vielleicht sogar als der Archipresbyter
der Kardinalpriester selbst kam Rainer für eine Designation bzw. Wahl im Besonderen in
Frage (vgl. die Daten zu den Kardinalpriestern bei HÜLS, Kardinäle, S. 145-218). Als Kardinal-
priester brachte er zudem die besten Voraussetzungen mit, die Mitglieder seines gespaltenen
Ordo zu integrieren. Die Wahl eines Kardinalpriesters stimmte aber auch mit der Vorstellung
überein, dass der Bischof von Rom aus den Reihen der Kardinalpriester und Kardinaldiakone
zu wählen sei. Sie bot von daher die Möglichkeit, der gregorianischen Partei im Werben um
den römischen Klerus und Adel gegenüber Clemens III. Vorteile zu verschaffen. Dies war
für die Kurie Urbans II. vielleicht umso wichtiger, als sich dieser in Rom selbst bis zum Ende
seines Lebens nicht hatte völlig durchsetzen können. Der Ort der Wahl Rainers, dessen Titel-
kirche S. Clemente, lässt es überdies als denkbar erscheinen, dass man sich bereits vor den
eigentlichen Wahlverhandlungen am 13. August auf Rainer geeinigt hatte (so SERVATius, Pa-
schalis II., S. 34). Auch der Zeitpunkt der Wahl, ein Samstag, könnte dafür sprechen, war es bei
einer Einigung noch am selben Tag doch möglich, die Bischofsweihe bereits am nächsten Tag
zu vollziehen (zum Sonntag als Tag der Bischofsweihe vgl. Anm. 573).
589 Gesta papae Paschalis, ed. zuletzt PREROvsKY, Liber Pontificalis II, S. 705-726 - nach dieser Edi-
tion werden die Gesta im Folgenden zitiert; zur Erhebung Paschalis ebd., c. 2-4, S. 705-707. -
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