Schludi, Ulrich
Die Entstehung des Kardinalkollegiums: Funktion, Selbstverständnis, Entwicklungsstufen — Mittelalter-Forschungen, Band 45: Ostfildern, 2014

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3.3. Die Wahl Urbans II. (12. März 1088)

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abweichende Meinung allein damit, dass die Zeitumstände und die Notlage
der römischen Kirche im konkreten Fall eine andere Entscheidung rechtfertig-
ten. Sicherlich wird man die prinzipielle Zustimmung zu diesem Argument
entgegen der Schilderung der Chronik von Montecassino nicht der ganzen
Wahlversammlung zuschreiben können. Unterstützung wird diese Meinung
aber gerade unter den uzrdmaUs gefunden haben, in deren Reihen die Chro-
nik die Gegnerschaft gegen die Wahl Odos von Ostia nicht zufällig verortet.
Nun ist die Entscheidung für Desiderius mit Sicherheit nicht allein von diesem
Gedanken getragen worden.^ Trotzdem hat dieses Argument offenbar seinen
Teil dazu beigesteuert, dass die Wahl am Ende nicht auf einen der drei von Gre-
gor designierten Bischöfe, sondern auf den Senior der Kardinalpriester, Desi-
derius von Montecassino, fie) A" So ist die Darstellung der Chronik ein weiterer
Beleg dafür, dass man in den Reihen des stadtrömischen Kardinalklerus nicht
gewillt war, den Vorrang der Kardinalbischöfe bei der Papstwahl zu akzep-
tieren, und diesem stattdessen die Vorstellung von besonderen Rechten der
eigenen Ordines entgegensetzte.

3.3. Die Wahl Urbans II. (12. März 1088)
Wie schon Gregor VII., machte auch Viktor III. von der Möglichkeit Gebrauch,
einen Nachfolger zu designieren. So berichtet die Chronik von Montecassino,
dass er den anwesenden Bischöfen und cnümaUs wenige Tage vor seinem Tod
am 16. September 1087 die Wahl Bischof Odos von Ostia empfahl.^ Odo wur-
de damit bereits zum zweiten Mal für die Nachfolge auf dem Stuhle Petri desi-
gniert, und diese zweifache Designation sollte in der Diskussion um die Wahl
eines neuen Papstes eine wichtige Rolle spielen. Zunächst aber blieb auch nach
dem Tod Viktors III. das päpstliche Amt lange vakant. Die Ursachen hierfür
sind unbekannt.^
Wie sich die Wahl Urbans genau abgespielt hat, darüber ist sich die For-
schung trotz einer häufigen Besprechung dieser Papstwahl letztlich nicht ei-
nig.^' Drei Quellen haben sich zu seiner Erhebung erhalten, die detaillierter

519 Zu den Gründen, die für Desiderius gesprochen haben könnten, vgl. BECKER, Urban II., Bd. I,
S. 82f., LouD, Abbot, S. 323f., CowDREY, Desiderius, S. 188-193,196, DE RosA, Vittore III, S. 99-
101.
520 Vgl. dazu die Behauptung der Chronik, Gregor VII. habe Desiderius vor allem deshalb zu
seinem Nachfolger designiert, weil er der erste Kardinalpriester der römischen Kirche war:
Chronik von Montecassino III, c. 65, S. 447, Z. 7f.
521 Chronik von Montecassino III, c. 73, S. 456, Z. 5-10. Vgl. aber auch JL 5348, ed. JAFFE, Episto-
lae Bambergenses, n. 11, S. 503, JL 5349, ed. PL 151, n. 2, Sp. 285B, JL 5351, ed. PL 151, n. 4,
Sp. 287A, JL 5364, ed. RAMACKERS, Analekten, n. 11, S. 43, und weitere, bei BECKER, Urban II.,
Bd. I, S. 90, Anm. 272, zitierte Quellen; vgl. HoLDER, Designation, S. 54f. - Zur Person Odos
von Ostia vgl. Anm. 489 und die in Anm. 524 zitierte Literatur.
522 Zu möglichen Hintergründen vgl. etwa BECKER, Urban II., Bd. I, S. 91, PÄszTOR, Elettori,
S. 582f.
523 ZoEFFFEL, Papstwahlen, S. 109, sieht alle in Terracina Anwesenden an den Wahlverhandlun-
gen beteiligt, wobei aber den drei Kardinalbischöfen, die den Vorsitz der Wahlversammlung
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