Schludi, Ulrich
Die Entstehung des Kardinalkollegiums: Funktion, Selbstverständnis, Entwicklungsstufen — Mittelalter-Forschungen, Band 45: Ostfildern, 2014

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3. Wahlrecht des Kardinalkollegiums

die Neuregelung der Papstwahl in den oinoncs des Dritten Lateranum festge-
halten wurde.""^ Diese Entwicklung aber setzt für die Römische Kirche voraus,
dass sich das Kardinalkollegium inzwischen fest etabliert hatte und zu einer
derart beherrschenden Größe geworden war, dass die anderen Gruppen des
römischen Klerus und des römischen Volkes ihm gegenüber endgültig zurück-
traten. Dieser Entwicklungsstand wurde im alexandrinischen Schisma offen-
bar erreicht.

3.14. Zusammenführung:
Entwicklungslinien und Wegetappen
bei der Papstwahl
3.14.1. Die Wählergruppen bei der Papstwahl
Hundertzwanzig Jahre Geschichte der römischen Kirche, zwei Papstwahl-
dekrete und mehr als fünfzehn Papstwahlen wurden in den vorhergehenden
Kapiteln eingefangen. Vieles hat sich in dieser Zeit verändert, und dies nicht
nur hinsichtlich der Papstwahlen, sondern auch bezüglich der drei obersten
Ordines der römischen Kirche. Im Rückblick sollen nun die am konkreten
Fall angestellten Überlegungen zusammengeführt, die zentralen Linien der
Entwicklung herausgearbeitet und für den Entstehungsprozess des Kardinal-
kollegiums ausgewertet werden. Dabei drängt sich zuallerst die Frage nach
den Wählern des Papstes auf: nach den einzelnen Wählergruppen, die an der
Wahl des Bischofs von Rom beteiligt waren, und nach der Veränderung ihrer
jeweiligen Rolle im Wahlprozess.
Unter diesen Wählergruppen sind an vorderster Stelle diejenigen Ordi-
nes der römischen Kirche zu bedenken, die vor allen anderen Gruppen im
Blickpunkt dieser Untersuchung stehen: die Bischöfe, Kardinalpriester und
Kardinaldiakone der römischen Kirche. Schon ganz zu Beginn des Unter-
suchungszeitraums, im Papstwahldekret Nikolaus' II. von 1059, gehörten diese
drei Gruppen dem engeren Wähler kreis an, dem die Wahlentscheidung ob-
lag ioi8 Doch ist zu beachten, dass die eigentliche Wahlentscheidung im Papst-
wahldekret von 1059 nicht den Kardinalbischöfen, den Kardinalpriestern und
Kardinaldiakonen, sondern den Kardinalbischöfen und dem Kardinalklerus
zugewiesen wurde - und noch dazu sollte das entscheidende Wahlrecht nicht
den Kardinalbischöfen und Kardinalklerikern gemeinsam, sondern allein den
Kardinalbischöfen zukommen. Der stadtrömische Kardinalklerus, und d. h.

1017 PACAUT, Concile oecumenique, S. 20f., PARAviciNi BAGLiANi, Römische Kirche vom ersten
Laterankonzil bis zum Ende des 12. Jh., S. 226, vgl. Concilium Lateranense III, c. 16, S. 219,
Z. 27-31. Es wird aber auch ganz allgemein angenommen, dass das Vorbild des Kardinal-
kollegiums als ausschließlicher Wählerkreis bei der Papstwahl beispielgebend für die
Bischofswahlen wirkte, vgl. SÄGMÜLLER, Bischofswahl, S. 22, GANZER, Bischofswahl, S. 28,196,
ScHiMMELPFENNiG, Sanior pars, S. 473f.
1018 Zum Papstwahldekret von 1059 vgl. Kap. 3.1., hier bes. Anm. 374.
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