Schludi, Ulrich
Die Entstehung des Kardinalkollegiums: Funktion, Selbstverständnis, Entwicklungsstufen — Mittelalter-Forschungen, Band 45: Ostfildern, 2014

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2. Vom Senat des Papstes zum Rat der Kardinale

2.3.2. Die 1120er Jahre: Die Zeit Calixts II. urtd Honorius' II.
Mit dem Pontifikat Calixts II. beginnt sich die Entwicklung zu beschleunigen.
Die durchschnittliche Zahl der Mitglieder des höheren römischen Kardinal-
klerus, die zu Beratungen hinzugezogen wurden, vergrößert sich weiter.
Gleichzeitig vergrößert sich auch der Kreis derer, die relativ häufig in die
Entscheidungsfindung des Papstes einbezogen wurden: Über den Pontifikat
Calixts hinweg lassen sich bereits etwa 20 Personen dieser Gruppe zuordnen,
etwa ein Drittel aller Kardinalkleriker dieser drei Ordines, die aus der Amts-
zeit Calixts II. bekannt sind. Aber auch die übrigen wurden nun häufiger ein-
gebunden. Die Verdoppelung des Urkundenausstoßes und ebenso der Zahl
der feierlichen Privilegien mit Kardinalsunterschriften von Paschalis II. zu
Calixt II. lässt einen wesentlichen Grund für diese intensivere Einbeziehung
des höheren römischen Kardinalklerus erahnen;^ denn je mehr Bitten an die
Kurie herangetragen und je öfter die Kurie als Gerichtshof angerufen wurde,
desto mehr war der Papst auf ein schlagkräftiges Mitarbeitergremium ange-
wiesen und desto regelmäßiger kamen Personen aus dem höheren römischen
Kardinalklerus beratend und unterstützend an der Kurie zusammen. Immer
öfter berief Calixt zudem eine immer größere Anzahl von Kardinalklerikern in
seinen Rat; während sich unter Paschalis noch höchstens 19 Kardinalbischöfe,
Kardinalpriester und Kardinaldiakone in einer einzelnen Unterschriftenliste
greifen lassen, verdoppelt sich diese Zahl unter Calixt nahezu auf 34. Auch
wenn es sich bei diesen Beratungen um keine Alltagsentscheidungen handelte,
ergaben sich auf diese Weise doch immer wieder Situationen, in denen eine
große Zahl von Mitgliedern der oberen drei Ordines gemeinsam mit Calixt II.
beriet und Entscheidungen traf.
Womöglich ist es in diesem Zusammenhang kein Zufall, dass fast alle die-
ser Urkunden mit großen Unterschriftenlisten in die ersten Wochen des Jahres
1121 fallen. In der ersten dieser Urkunden, mit der das Privileg für die Kirche
von Pisa, die Bischöfe von Korsika weihen zu dürfen, widerrufen wird, findet
sich nämlich die Nachricht, dass sich Calixt mit dem Vorwurf auseinander-
setzen musste, dieses Privileg kurz zuvor auf der Reise durch die Toskana aus-
gestellt zu haben, obwohl er mit nur wenigen gemeinsam darüber beratschlagt
habe. Die Wogen waren in Rom und besonders im römischen Klerus hernach
so hoch gegangen, dass Calixt womöglich in den folgenden Wochen bei den
anstehenden wichtigeren politischen Entscheidungen bewusst auf eine mög-
lichst breite Basis Wert legte. Wie auch andere Quellenaussagen zeigen, lag
eine stärkere Einbindung des höheren römischen Klerus ohnehin in der Luft.^

292 Vgl. zu diesen Zahlen LAUDAGE, Rom und das Papsttum, S. 53.
293 So protestierten die Kardinalkleriker, die mit Calixt II. nach dessen Wahl in Frankreich un-
terwegs waren, dagegen, dass sich dieser ohne ihre Anwesenheit mit dem englischen König
traf, indem sie sich empört entfernten, vgl. Hugo Cantor, Geschichte der Kirche von York,
S. 128. Von Calixt II. selbst ist der Ausspruch überliefert, er werde, sobald er in Rom sei, »so
viele Herrscher wie oirdiiMics, so viele Herren wie Bürger haben«: QtMiido Mcro Rome ero,
oirdiiMics, fof pn'iidpcs, eines, fof Awiüü cmuf. (ebd., S. 116, nach der Übersetzung von
SCHILLING, Calixt II., S. 464). - Zur Frankreichreise Calixts II. ebd., S. 403-464.
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