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Österreichisches Archäologisches Institut [Editor]
Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Institutes in Wien — 1.1898

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https://doi.org/10.11588/diglit.19227#0252

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Bericht über eine Reise in Bulgarien.

(Bericht II der Balkancommission, wiederholt aus dem Anzeiger der philosophisch-historischen Classe der kaiserl. Akademie

der Wissenschaften in Wien 1898 n. VI.)

Mit dem k. k. Baupraktikanten Herrn H. Egger
aus Wien unternahmen wir im August und September
v. J. eine arcliäologisch-epigraphische Orientierungs-
reise nach Bulgarien, über die wir hier eine vorläufige
Mittheilung erstatten.

Das Museum von Sofia enthält einen reichen
Schatz namentlich inschriftlicher Denkmäler, der
hauptsächlich dem Wirken des gegenwärtigen Leiters,
Professors V. Dobrusky, verdankt wird. Unermüdlich
ist dieser Gelehrte bestrebt, alle wichtigeren Antiken,
welche im Lande neu zutage kommen oder von den
Gebrüdern Skorpil wie von ihm selbst auf ausge-
dehnten Reisen erkundet werden, vor der Vernichtung
zu retten und in Sofia der wissenschaftlichen Ver-
wertung zuzuführen. Die größeren Denkmäler sind
hier in einer prächtigen alten Moschee untergebracht,
die hoffentlich bald endgiltig für die Zwecke des
Museums bestimmt und dementsprechend baulich
ausgestaltet wird. Diesem Lapidarium, das nach Zahl,
Bedeutung irnd Mannigfaltigkeit der Objecte schon
jetzt den ansehnlichsten beizuzählen' ist, galt während
eines zweiwöchentlichen Aufenthaltes das erste Stu-
dium. Herr Egger nahm einen Plan der Moschee
auf und zeichnete merkwürdige Architekturstücke,
während uns die Entzifferung neuer oder schon be-
kannter, aber ungenügend gelesener Inschriften be-
schäftigte. LängereBemühungen kostete die bedeutende
griechische Steinurkunde über die unter Septimius
Severus erfolgte Gründung des Emporiums Pizos mit
der Namensliste der Ansiedler, insbesondere der
Erlass des kaiserlichen Statthalters in der letzten
Columne. Manche noch nicht nach Sofia gebrachte
Denkmäler wies uns Herr Dobrusky in Notizen oder
Abschriften nach. Um die epigraphische Aufnahme
des Museums zu vollenden, blieb ein Mitglied des
archäologisch-epigraphischen Seminars, Herr Victor
Hoffilier, der uns nachgereist war, fünf weitere Wochen
in Sofia zurück.

In Begleitung des mit dialektologischen For-
schungen betrauten bulgarischen Universitätsprofessors
Miletic reisten wir dann über Philippopel nach Varna.
In Philippopel gewährten Ausbeute die mit der
Bibliothek verbundene Localsammlung, die sich kürz-
lich durch neue Funde, unter anderem die unvoll-
ständige Ehreninschrift eines römischen Beamten mit
der namentlichen Aufzählung der zahlreichen Stifter,

bereicherte, außerdem unter Führung des Bibliothekars
Herrn Tacchella junior einzelne ältere Bauten und
die großen Friedhöfe außerhalb der Stadt.

In Varna schloss sich der dortige Gymnasial-
professor Herr Karl Skorpil an, der, theilweise mit
seinem Bruder Hermenegild, Bulgarien in allen
Richtungen antiquarisch erforscht und eine sehr
große Anzahl von Inschriften, Bildwerken, Straßen-
zügen, Befestigungsbauten, Lager- und Stadtanlagen
zeichnerisch aufgenommen hat. In Varna wurde außer
mehreren neu gefundenen Antiken ein ansehnlicher
Bau, anscheinend aus guter römischer Zeit, untersucht
und die Sammlung der griechischen Metropolie aus-
gebeutet. Diese besitzt auch ein epigraphisches Manu-
script, hauptsächlich Steine von der Küste des
schwarzen Meeres enthaltend, welches Bormann mit
freundlicher Erlaubnis des Bischofs excerpieren
konnte.

Von Varna aus besuchten wir Schumla, dann
die alte Bulgarenresidenz Preslav, wo gerade Privat-
docent Zlatarski aus Sofia im Auftrage der fürstlichen
Regierung Grabungen veranstaltete, und weiter Mar-
cianopolis, wo ein kürzlich ausgegrabener halbkreis-
förmiger Quaderbau vermessen wurde. Einzelnes ergab
sich wie überall auf den türkischen Friedhöfen; be-
sonderes Interesse boten die in griechischer Sprache
abgefassten altbulgarischen Denkmäler dieser Gegend,
von denen eine größere Zahl verglichen wurde. In
jedem Sinne ragt unter ihnen ein in der Nähe von
Madara an einer gewaltigen, grottenreichen Felswand
angebrachtes Kolossalrelief hervor. Es stellt einen
Reiter mit seinem Hund auf der Löwenjagd dar und
ist auf drei Seiten mit langen, leider sehr beschä-
digten Inschriften umgeben. Eine in den Archäologisch-
epigraphischen Mittheilungen XIX S. 247 veröffent-
lichte Zeichnung Skorpils, die zum erstenmale ein
genaueres Bild des Ganzen bot, schien zu zeigen,
dass hier Namen der bulgarischen Chane Krum und
Omurtag vorkämen, während das Bild aus älterer
Zeit stammen dürfte. Diese Vermuthungen zu veriii-
cieren und die Lesung weiter zu fördern, erwies sich
ohne Errichtung eines hohen Gerüstes als unmöglich.
Auf Anregung Bormanns soll jedoch das Monument
für das Museum in Sofia demnächst in Gips abge-
gossen werden, und so steht zu hoffen, dass die für
die bulgarische Geschichte einzigartige Bedeutung
 
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