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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt (61) — 1919 (September bis Dezember)

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https://doi.org/10.11588/diglit.3728#0336
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Das neue Iapan

Don vr. F. E. A. Krause
IU. Politik und Expansiou

Neben den inneren Staatsreformen hat Iapan oom Degtnn
dcr ncucn Zeit an zielbcwukt scine Ausbrcitung nach aunen <
vcrfolgt. 187-1 war elne Expedition nach Formo>a unternommen.
waren die Liu-kiu-Jnseln bcsetft und devcn Konig abacsetzt worden.
Dann führtc die Koreanischc Frage zum Kriege mit Ehrnu von
1891-95, und im Frieden von Shimonoseli erhielt ^apan als Ecwrnn
Formosa und die Pescatores-Inscln. sowie eiqc Kriegsentschndrgung
von 200 Millionen Tael. c

Auf den Druck der curopäischcn Mächte hatte Iapan Lhrna ge-
gcniiber auf fcine Forderung ciner Abtretung von Liao-tung verzich-
ten müsscn. Durch dicse Zntervcntion Europas zu Eunsten Churas
im Frieden von Shimonoseki glaubte Iapan sich um scinc. bercchtigten
Kriegserfolge betrogen. Der Kricg mit Rukland ist in japanischen
Augen nur'eine Fortsehung desjcnigen mit Lh.na rrm den Besrh von
Liao-tung Dcr Anspruch auf dicscs Eebiet und die nach der .brano-
schurei gerichtcte Expansion führten Iapan in Konflirt mit Rghland.
das 1898 von Ch.ina den Hafcn von Port Arthur auf 25 Zahre ge-
pachtet hatte. , . . . c-

Das gewaltige Ringen zwischen Rukland und ^apai; rm
Kriege von 1901-05, in dem dcr ncugebackene asiat:sche Staat sich mit
einer europäischen Erogmacht messcn mukte. und die glänzsnden
Kricgserfolge der japanischcn Armce und Flotte hab-'n ^apan mit
cinem Schlage in d:c Reihe der modernen Weltmächte emporgrhoben.
Der Friede 'oon Portsmouth brachte ihm als wcrtvoll.n G'.'b.icts.ur-
wachs die südliche Hälftc von Sachalin. dic Halbinsel Liao-rung-und
als Feld für den japanischen Handel und Absahgebict für scincZ'i-
dustrie Korea unter japanischem Protektorat. Hiermit sind die
Schritte der politischen Ausdchnung beieichnet. und die cn.dgültigc
Annektion Koreas war dann für Iapan nur noch eine Frage der Zcit.

Die Koreanische Fraae bildcte den Kcrnpunkt ocr japa-
nischen Politik. Si t war dcr Anlasr mm Kriegc mit China gewcsen
und wurde auch der Erund sür den Gegensah zrr Nugland. Denn das
1895 siegreiche Igpan war nun ein unbeauemer Nachbar qür Nugland
geworden; ihre beiderseitigen Interessen an dcr Mandschuvei und
Liao-tung mit -em Einfluf? aus Korea mukten zu unvernzeidlichen
ZusammenstZken führen.-

Das Erstarken der japanisckien Macht in Ostasien suchtc Nrrk-
land ebenso zu verhindern. wie die crfolgreiche Reorganisation
Chinas, da sowohl ein mächtiges Iapan als ein starles China den rus-
sischen Absichten hinderlich sein mukte. Rukland wollte zwar den bis-
hcrigen unklaren Zustand hini;iehen. bis dic Vollendung der Trans-
sibirischen Bahn ihm erlaubte. bei der endgültigen Regelung der ko-
rcanischen Frage das entscheidende Wort zu sprechen. Dak Nukland
sich vorzeitig, während der Wirren in China von 1900—Ock. in der
Mandschurei ftstsetzte. machte seinen Konkurrenten miktrauisch. so dak
Japan ihm mit der Kriegseröffnuna ruvorkam.

Denn dak Rutzland seine Jnteresftnsphäre auf Korea ausdehnen
wollft, konnte sich Iapan weder vom volitischen. noch vom wirtschaft-
lichen Eesichtspunkte gefallen lassen. Für Rutzland wäre es ein Be-
weis wirklichen Verständnisses der Gesamtlaae in Ostasren gcwesen.
wenn es Korea den Iapanern überlasftn und damit ihr Einverständnis
mit ber allmählichen Aufsauauna der nördlichen Nebenländex Chinas
bis an die Erotze Mauer gewonrven hätte. Es hätte so wohl Liao-tung
behalten und Einfluk auf Nordchina aewinncn können. Korea war
sür die russische Politik in Ostasien aan.z entbehrlich. Dfesc zeigte in
jener Zeit übcrhaupt eine merkwürdia unklare Haltüng. Die m-nd-
schurisch-koreanische Frage hätte vor 1901 jedenfalls in einem günstige-
rcn Sinne für Rukland aelöst werdcn können. als durch das Äb-
kommen mit Iapan von 1910.

In dem Konflikt zwischen Rukland und Iapan hat China
keine politisch bedeutsame Rolle mebr sviclen könnem Nach dem
Kriege von 1894—95 dachte man wobl an die Möglichkeit ei^rer chi-
nesisch-japanischen Allianz mit der Darole: Aüen sür die Asiaten: eine
solche schon aus historischen Eründen unnatürlicke Annäherung zwischen
bc.den Latrdern konnts aber nur solanae daucrn. bis China die' egoi-
stischen Absichten Iapans erkannte. Denn Iavan hat. von jener Zeit
bis heute. jede Gelegcnheit benukt. sich in Cbina rücknchtslos einzu-
mischen. und dessen militärische Ohnmacht m unberechtigten Forderun-
gcn ausgenuht. Kovea selbst. das Streitobiekt. wuvde scheinbar auf
die Seite Zapans gezogen. indem dieses mit ihm vor dem Kriege von
1904 ein Bündnis schlotz. Las die Integrität des Landes garan-
tierte.

Die japgnische Expansion muk aber auch nach ihren inneren
Eründen betrachtet werden. Die hohs Bevölkerungsziffer und deren
rasche Zunahme trieb Iapan. das auf seinen Inseln allzu eingeengt
war. notwendig zu einer Ausdehnung seiner Sphäre. Dieses Bedürf-
nis fand -wei Wege, nach Norden und Nordwesten. sowie nach Süden
und Südwesten. Die hohen Erundsteucrn für die Bauern im eigenen
Landc vermehrten noch das Auswanderungsbestreben. Ohne Kon-
flikt mit anderen Interessenten stand der dünn bevölkerte und wirt-
schaftlich noch wenig erschlossene Hokkaidö zur Besredelung offen. Hier
und in der 1905 von Rutzland abgetretenen Südhälfte von Sachalin
aber machte die Kolonisation- nur langsame Fortschritte und brachte
nicht die Erfolge. die bei den dort vorhandemsn natürlichen Hilfsquel-
len zu erwarten gewesen wären. Dies findct seine Erklärung in dem
Umstande. datz der Iapaner durch das milde Klinra seiner Inseln. an
derren )Pr warme. Eolfstrom im Süden und Südosten vorbeiströmt.

verwöhnt ist und srch für die raukercn Bediügungcn des Nordens we-
nig o'gnet. Denn schon der Holkardü bät libirischcs KUma.

Die Tegdenz mutzte crlso von selbst rnehr nach Süden gchen.
Hicr wurde dic vyn Lhina abgetretene Insel Fornrosa, cin fthr wert-
vollcr Landzuwachs. Sie nahm unter japanischer Lftrrschaft bald ernei'
blühcndes Aufschwung und ihr Reichtum an Produkten hob wesentlrcki
das Wirtschaftslebcn Japans, Formosa allein aber konnte dem Aus-
dehnungsbedürfnis dcs Inselvolkes nicht genügen. Da ihm in süd-
licher Richtung weitcre Expansron zunächst nrcht möglrch war. nrutztc
Zapan sein Auge naturgemäk auf Korea und die Mandschurer richten.
Nach der erzwungciren Aufgabe des begebrten Lrao-tung. dessen Ab-
tretung von China 1895 nicht hatte durchgesetzt werden können, blieb
doch das Festsetzen auf dem Festlande das lüirsequeiit vcrfolgtc Ziel der
japanischcn Politik. um dessen Errerchung es seinen nüchsten Krieg
führte.

Seit dcm Eintritt Iapans in den Wettbcwerb mit anderen
Ländcrn verfolgte der neue Staat in klarer Weise seine politrschcn
und wirtschaftlichen Ziele. Da es erstere im Frieden von Shimonoseki
nicht im crstrebten Makc hatte oerwirklichen können, gewamr ihm dic
okonomische Becinflussung des Festländes um so 'höhere Dedeutung.
Jn erstcr Linie führte nun Iapan einen zrclbewuktcn Kampf um den
chrncsrschen Marlt und murde bier bald zu einem gefährlichen
Konlurrcntcn für den europäischen und mnerikanischen Handel; dies
um so mchr, als cs gleichzeitig gerstigeir E'.nflük auf das beirachbarte
China zu gewinnen suchtc und mrn bemübt war. seine von China über-
nommene Kultur als -in qemeinsames Band auszunutzen. So rtk es
manche Zwcige dcs freindcn Verkehrs mit Lhina ganz an sich. gew-ai.n
auch wcnigstens zeitweise eincn überwiegenden Cinfluk auf «chul-
wesen, Heeresreforrn und dft sorialen Eedantcn. Dic Küstenschiffahrt
und der Verkchr auf -em Pangtse tam zmn groken Teil in japqn.schc
Hand. All dics aber war Iapan nur das Mrttcl, seine Fabrrkate auf
den chinesischen Markt zu brinaen. Wie cs alle Teile dcs chinesischen
Reiches nut se ncn unruhiqcn Forlschrittsprcdiqcrn durchsehte. so wur-
den nun auch dic Handelsplätze mit Massenschundwaren japanischer
Hcrkunft überschwemmt. dre oielfäch die soliden curopäischen Artitcl
aus Lem Feldc schlugen. Iapans Wirtschaftsidcvise hat stets ..billig
und schlecht" gehieken. Neben dcm ausdrinalrchen Anbietcn bildctc
immer das llnterbicten des Preises sein Mittcl. sich durchzusctzen.

Die Wirren in China von 1900 batte Iapan. ebenso wie Rutz-
land srch damals in der Mandschurer festzusctzen srrchte. zu einer Bc-
setzung von Amop benutzt. unr brer rm Anschluk an Formosa einen
festen Stützpunkt auf dcm südchinesrschen Festlande zu hekommcn. Wenn
es diesen Wunsch auch qeqcn dcn Einsorucki der curopäischen Mächte,
die Chinas Intcgrität gcwahrt wisscn wolltcn. nicht durchsetzen konntc.
so hat Iapan noch oft und stets rn rücksrchtslosester Weise dic Schwäche
Chinas zu ftmem Vorteil ausgenutzt und sich dürch sein egoistrsches
Auftreten selbst alle crnfänglich entstandeircn Svmpathien in Chrna
verscherzt. Mehrfach hat es bis in die allerneueste Zeit mit Drohun-
gen Konzeffionen für Mrnenbetrieb und Dahnbau erzwungen, vor al-
lem aus der Wehrloslgkeit Chinas wäürcnd Ler Revolution upter dern
Drucke einer Kriegsdwhung. dem China stets nachgleben mutzte. Dor-
teil gezogen.

Als Absatzgebiete b-anspruchte Iapan dann immer stärkcr Korea
und die südliche Mandsckurei. Der Küstcnhandel. die Fischerei, dcr
Austausch dkr Landesvrodukte Koreas wurden iavar.ischcs Monopol.
Da Rutzland von Nor.den her glcichfalls Einsluk auf die Mandschrrrei
und über diese hinaus auch auf Kor^a zu acwinneir suchte. war der
Konflikt der ruffischen und japanischen Intcressen in den Wirtschasts-
fragen wie in dcn polrtischen Ansprüchen cin unausbleiblicher. Rutz-
land lietz srch zu ciner ganz unklarcn Osrasien-Polirik verleiten. die es
mrt der militärischen Niederlage. dcr Abtretung von Liao-tung und
dem Verluste jeglichen Anteiles an der weitercn Entwicklung der
Koreanischen Frage zrr bezahlen hatte. Mit dem Besitz von Liao-tung
erlangte Iapan auch das Protektorqt über Korea und nabm nun dre-
fts Land wirtschaftlich völlig in Besrtz. Im weiteren Vcrlaufe war
dann die schlietzliche Annektion Kortzas. die 1910 erfolgte. nrrr eine
natürliche Folqe.

Stillschweigxnd dehnte Iapan seine Interessen auch aus die Süd-
mandschurei aus und brackte die Babnlinien und dic Kontrolle
des Handels an srch. So schien ein neuer Ausbruch der Feindseligkei-
ten gegen Rutzland zu droben. der aber durck das Abkommen von 1910
vermieden wurde, in dem Iapan unter Nichtacktung des Pr'.nzips der
offenen Tür im Eirrverständnis mit Rukland sre'e Hand erhielt. Dre
schlechte Verwaltung Rutzlands in der Amurproviirz. der rusffschc
Mangel an Unternehmrrngsgeist zur Ausnutzuna. ,des LandesreichtumS
gaben Japan Anlatz. auch auf dre nördlrcken Eebiete der Mandschurei
eirren gewrffen Cinflutz zu gewinnen. Es aelana ihm besonders. den
Fischfang an diesen Küsten zu seinem Monopol zu machen. Die Iapa-
ner Lenutzten jedes Mittel. dre Ruffen aus ikren Positionen zu ver-
drängen. So war auch der Truvvemrufstand in Wladiwostok 1907 von
ihnen angezettelt worden.

In Port-Arthur und Äem neu angelegten Hafen von Dalni hatte
Rutzland -en Zugang zum Chinesrschen Meere als Endpunkt des gro-
tzen Schienerrweges durch Sibrrien anaestrebt. Sein ganzes hitzrauf
aufgebautes Projekt ostaffatvscher Politik aber wurde durch den Aus-
gang des Krreges mrt Iapan vereitelt. Seitd^m Port-Arthur tRy<>-
jun-kö) und Dalni (Dai-renf jrwanisch aeworden waren. hatte auch
Wladiwostok seine Bedeutung als Flottenbaffs so gut wi« verloren.
Dre Politrk Rutzlands rm Fernen Osten mukte ffch nach 1905 anders
orientieven und tat dies durck» Aufaabe seiner strdmandschurischen In-
tereffen und Berlegung des Schrverpunktes nach der Mongolai. wie
dres in seinem Abkommon mit Iapan von 1910 zum Ausdruck kam.


Mein Lied/ Lorenz Wingerter

Ich liebe die Sonne, ich liebe das Licht,

Ich liebe die Stärke, die markig spricht:

Ich habe gehofft und gerungen! —

Iliid wandert Erfüllung und Elück vorbei,

Dann pocht mir das Herze. so stolz und so frei,

Die Stunde hab ich bezwungen . . .

Ich liebe die Sonne, ich liebe das Licht.

Doch scheu' ich das nächtliche Grauen nicht,

Wenn Schatten umkrallen die Seele:

Ich rufe die Freude, die Lichtgestalt,

Die leuchtend ob irdischem Dunkel wallt,

Und lodert, wenn ichs befehle! —

2 2

Die Geschichte eines verrückten Genies
in Babsn

Von Mar Bittrich-FreiÄirg

In der jüngst rm Colombischlötzchen in Fre.burg i. Br. oeran-
Italtctcn Ausstellung dsr. Schwarzwaldmaler des 19. Jahrhundsrts
roar cin ansehnlich.r Rauin den merkwürdigen Erzeugnissen eines
.Sonderl'.ngs eii-geränmt. dem das Leben urg mitgespielt hat.

Vor ernem Menschenalter erregtc» in der medizinischen Welt qin
Werk Aufsehen. däs von ci.'.sm hochangcsehenen deutschen Eelehrten
ausging: cin schwsrcs Buch in gröktem Format. desseir Titel lautele:
Kraukenphrisiognomik. Von Dr. Karl Heinrich Baumgärtner. Groh-
berzogl. Vadischcm Hofrat. Profeffor der Medizst, unr> Drrekror
drs mediz. K. rikums zu Freibura uiw.. n/fft einem Atlas von 72
nach der Ratur gemalten Krankenbildern.

In dcr Vorrcde sagt Baumgärtner: Die Naturzeichnungen
wurdcn gemacht in dcn Freiburger Kliniken, rm Irrenbaus bei Bru-
math. Karlsruhe. Heidelberq und Pwrzheim. Maler Sandtzas,
geüürtig zu Haslach im Mnzigtal, fertkgte die Originalzeichnungen.

Da kam vor 15 Iahren em Äufruf. nach Haslach zu wallfah-
rerr. Man solle, forderten die Aeitungen auf. nach Haslach gehen.
um dort eincm Volkstrachtenfeste beizumohnen und — einer AuSstel-
lung von Bildern des ..närrisck> en Malers".

Und eben der närrische Mler, wie ihn der Pfarrer und
Schriftsteller Hansjakvb nach der volkstümlichen Bezeichnung der
Haslacher getauft hat. war kcin anderer als Sandhas. der, wre Hans-
jalob auch. dem durch Originale aller Art ausgezeichneten Kinzig-
tale entstammtc. Haslachs geffcherter Büraerstand ist immer eigen
gewssen in Qrrer- uttd Hartkövfigteit: der Besuch des Städtchens durch
Holz- und Waldfürsten und Schiffsherren aus den nahen rerchen Tä-
lern konnte der besoirderen Art der Haslacher keinen Schaden bringen.
sondern die selbständ'.ge Prägung der Besucher nvar erst recht geerg-
nct, dcr Haslacher Stärke eine kluge Sclbstherrlichkeit hervorzukehren
und in ihrenr Zeichen zu sieqen. ans L'ckt zrr locken. Aus dieftr
Selbstherrlichkcit sind allc Kinzigtäler urfrisch aufgewachsen. die
die Städter und die Bauern. und wer einmal des Martinsmarktes
Wur^der in Haslach genoffcn hat. wird ohne weiteres eingefthen ha-
ben, wic sehr 'n dieftr Eegend die äutzere Art. sich zu tragen. nicht
Aiaskerade und Versteckspiclen. sondern der Ausdruck des Standesbe-
wutztftins ist. Und wenn in der gleich Villingen bochberühmten Nar-
renstadt im Februar bcsondere Stücklein geleistet werden. so ffnd dre
Leute auch dann nicht künstlrch magnctisiert. sondern die bunte när-
rische Kleidung ist nur dcr Abglanz dcr Eefühle. Datz man sich ftl-
ber niichts vorheuchelt. ist vielleicht das beste aller Zeichen von Ee-
suttdheit und Kraft.

Tausende und Abcrtauftnde von Baucrn vcranstalteten aus-
grund des erwähnten Aufrufs eine Völkerwanderung. strebten in
vollgestopftsn Sonderzügen nach dem Kinzrgtal. Und die Sandhas-
Ausstellung hatte bci dieser Gelegenheit gegen 20 000 Besucher.

Wer Sairdtzas war. hat Hansjakob rn ftiner Eeschichte vom
närrrschen Maler zusammenaestellt. wenn auck romantisch aufge-
putzt: er ist der Sotzn dcs von einem herzlosen Verführer ins Unglück
gestotzenen schönsten Mädchens von Haslach. wird herumgestotzen. ge-
winnt doch ein Sümmchen zur künstlerischen Ausbildung. wird daheim
geächtct. weil er dcm Altarbild, das er im Auftrag malt. sein ergenes
Porträt und das einer still verehrten Försterstochtckr einverleibt.
bleibt dem Mädchen erst recht treu und wiqd. gls ste stirbt. beschuldigt.
ihren Tod veranlatzt zu haben. Da steiaen die ertten Schatten geisti-
ger Umnachtung in Sandhaus auf: der Wald wird sein Arrfenthalt
— erst recht. als der Vater ihn von ffch weist. Später. als seine ein-
smne Hütte verbrannt ist. kommt er nach der Heilanstalt Jllenau
dann rn das heimatliche Spital. Dort schreibt er seine SpeziLlzei-
tung. Tagebuchblätter und ungezählte Bilder und Entw-ürfe svander-
ten nach jdem Tod des Malers rn viele Häuftr. aus denen man sie
zuerst für die Haslacher Ausstellung zustrmmengesucht hatte. wie
fünÄt mannigfiÄe Dilder und Zeichnungen für die Freiburger
Schau.

Was rm Spttal mit Sandtzas vorgrng. bis er fam 12. April
1859, 58 Jahre altt starb. ist wohl erniger Blicke wert. In dem
lauschrgen Stübchen des Haslackftr Easttzauses zur Kanone. deffen
Pefitzer auch hunderto von Sandhasschen Arbeiten aufgestapelt hat.

rand 'ch Eolegenheit. mich in die sonderbare Sandhasfche Arrtobrogra'-
phic. eben die Spitalzeitung. zu vertreren. Das rst bei den seltsamen
Kreuz- und Quersprüngen des Schrerbers e'rne anstrengende Arbeit.
Mituntcr überraschen jedoch klare Einblicke in das Wesen eines un-
.lückl.chen Menschen. die viel metzr bedeuten als Gedanken eines Un
zurechnungsfähigen. und Ausblicke von glerchem Werte.

Mir schernt. es sei kein Zufall, wenn Sandhas während der
Haslacher Leidenszeit wiederholt den Don Quiiote zum Studium
verlangte: cr hatte ihn schon öfter gebesen. und die seinem Weftn ver-
wandten Züge geistiger Krankhelt. des Wabnffnns Don Quijotes.
mögen ihn gefesselt hahen. Denn die besondere Form der gsistigen
Erkrankung Don Quijotcs. des Waünffnns nakm. je länger er lebtc.
unzweifelhaft auch von Sandhas Befftz: die übertriebsne Lust. ffch
geltend zu machen, und damit die phantastische Ernbrldung. zum lln-
gewöhnlichsten berufen zu sein. — wenn ffch Sandhas auch bereits
als tüchtiger Künstler betätigt hatte.

Sie haben also etwas Verwandtes. die Dichtergestalt des Don
Quijote und der Maler aus dem Krnziatale: nur wrrd. wer des Ma-
lers Lebsn verfolqt. nicht einen Zug finden, der ihn in ftiner ganzei'-
grotzen Tragödie auch nur einmal so komisch nebmen lieke. wie man
sernen weltbckannten Vorgänger auffassen muk^ Wie feffelnd würde
cin von Sandhas illustrierter Don Quijote aeworden sein! Datz er
den Windmirhlenkämpfer gut verstanden und durch den Stift richtig
wiedergegeben hätte, beweist ein Vild. das die llnterschrift trägt:
Eandolin, des Ämadis von Eallien Schildknap. Ein Bild ganz rm
Eeiste der Ceroantesschen Gestalten! Jn mehreren der Spezialzer-
trrngen verlangt Sandbas den Don Quijote aurs neue: er nennt so-
gar Namen. — Der Schnezer soll mal — fährt er crn Siner Stelle
darein —endlich den Don Quijote hcrgeben!

Man braucht nicht jedes Wort. nicht jede Seite seines Tage-
buches ernst zu nehmen. und wird doch Mrtlieid haben müssen mit
einem Menschen. dessen Werke in dem Städelschen Kunstünstrtut in
Frankfurt a. M. oertreten sind, wenn man folgende Auslassung liest:

..Ich habe gelesen in einem Zeitungsartikel. in dem ein
preukischer Staatsmann sagt: man muk alles Eute. was uns die
Zert darbietet. zu benutzen suchen. denn sonst straft di« Zeib Se-
hen Sie. das ist die wahre Klugheit! Sehen Sie. jetzt straft die
Zeit: jetzt seid Itzr gestraft wegen des llnrechts. so Ztzr mir an-
getan: und weil Jhr das nicht gewollt. was Ihr hättet tzaben
können, so mükt Ihr gar nichts haLen!" ' ,

An arnderer Stelle. in der Zeit der RevolutionsjqHre. sagt er:

„Der Exiquent hatte mick einen Esel aetzeitzen. — Si-e find
ein Narr! Zns Tollhaus! hatte der Kreuzwirt auf offenem
Markte gerufen: Oder: Sie ffnd der ärgste Freischärler! sagte
einmal der Eendarm über miich. indem er ffch neben mich setzte
und den Säbel halb aus der Scheide gezogen. — Ern Narr! sagt
wisder ern Mädchen. wo ich an ernem Earten vorübergehe. damit
ich's hören soll. Datz mich nurr der Exiquent ein Esel getzeitzen.
damit bin ich zufrieden: es fft das beste Urteil. das bisher über
' mich gefällt worden rst. Jch brn wirklrch ein Eftl und ein Narr
dazu, daß ich mrch so mitzhandeln laffe und das aller so gicduldig
annehme: indeffen wertze rck ietzt einmal anvocken an die Pforte
der Eerechtigkeit und Eenugtuung verlangen. So behandelt man
keinen Maler. wenn er arbeiten, zeichnen oder malen s o l l."

Die Klage, man verlange von ihm Arbeit, ohne Lre Vorbe-
dingungen zu gewähren. kehrt or't wieder. Einmal kommt er auf sei-
nen berühmten. von ihm porträtierten Lehrer. Peter Cornelius in
München, zu sprechen. und sagt:

„Sie haden schon Ideen! so"^e Cornelius.-Eutl

Wrr wollen sie jetzt einmäl ausgleichen. dieft Zdeen. Also: was
versteht man unter Ideen? Unter Ideen versteht man so viel
als Gedanken urü> Entwürfe. Ich hatte ernen Beschästigunqs-
plan entworfen. nachdem ich gesonnen war zu arbesten. Ich
hatte vor, einige meiner Zeichnungen und Kompositionen auf
Stein zu zeichnen. zu kolorieren und solche auf Subskriptron her-
auszugeben und an die Kunstfreunde zu verkaufen: ich hätte mir
auf diese Werso etwas oevdienen können, allein das wollen sie
nicht!-Fixe Zdee!"

Dann wünscht Sandhas. män solle ibm. der kein Materrol kabe.
wenigstens einen ordentlichen Futzboden herrichten: der Naphael
Sanzis hat erne seiner schönsten Madonnen auf einen Futzboden ge-
macht!-— ...

„Sodann (fährt er fort) mützten mir die Leute. die ich zeich-
nen oder malen wollte. zvm Zeick"en oder Malen sitzen oder ste-
tzen, natürlich gegen ein kleines Trinkgeld."

Äber er sei nun einmal verrückt. und einen Verruckten kuriere
man .dadurch, datz man ihm das ernem Eesunden ftlbstverständlrch Ee-
bührende verweigere!

Mit wenigen scharfen Wort-n tut Sandhas den Vürgermeister
des Städtchens ab wcgen- ftiner Verständnrsloffgkeit für die eigenen
Wege eines Künstlers: ..

„Dsr Fürst hat gesagt. ich bäste vrel Talent: wenn es nnL

. mehr geregelt wäre!-Mir wenns (wollen') realen! sag-

darauf der Vürgermerster. — Mir wenns reglen!"

Und dann benerdet Sandhas den Stadtboten:

„Der Stadtbote soaar. der war oor einiaer Zeit bei mrr
und hatte ein Fläsckckmn Tinte „ni' sich. dntz ich damit

nreinen Namen schreiben solle unter irgend ein Schreiben. Er
war mit allem garnwohl verftben und aeschickt einqerichtet."

In allem Elend scheint Sandhas einem grsten Gläschen geneigt
geblreben zu sein. denn mehrfach beklagt er im Zusammenhang
damit den Mangcl aller Münze:
 
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