Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 8.1916

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DIE VORBILDER DER MEDICI-POR-
Z E L L A N E Mit 5 Abbildungen / Von ERNST ZIMMER MANN
TDekarmtlich fing man, fo viel wir wiffen, zuerft am Ende des 15. Jahrhunderts in
JD Europa damit an, das chinefifche Porzeiian nachzuahmen. Damais zuerft fcheint
das chinefifche Porzellan in größeren Mengen zu uns gelangt zu fein, und damals
auch hatte es erft vor nicht allzu langer Zeit ganz allgemein jenen Charakter an-
genommen*, um deffentwillen es bei uns immer fo ganz befonders gefchäßt worden
ift und uns zu feiner Nachbildung gereizt hat. Es war hierbei natürlich, daß diefe
Verfuche zuerft in jenem Lande ftattfanden, das damals auf dem Gebiete der Keramik,
wie auch dem verwandten des Glases an erfter Stelle ftand, in Italien-, dem Heimat-
lande der europäifchen Fayence oder Majolika, fowie des wundervollen Kunftglases,
das Venedig aufbrachte und bald zur Weltberühmtheit machte.
Ebenfo bekannt aber ift, wie diefe Verfuche damals verlaufen find. Nur in Florenz
glückte es fchließlich, ein Erzeugnis herzuftellen, das äußerlich dem damaligen chine-
fifchen Porzellan ähnlich, doch aber kein echtes Porzellan war, vielmehr nur eine
Art unvollftändig gefchmolzenen Glafes darftellte, das nichts von den befferen Eigen-
fchaften jenes befaß: das sogenannte Mediciporzellan, ein reines Frittenporzellan", das
man damals aber wohl ganz allgemein für das wirkliche Porzellan anfah und das auch
fchon anfcheinend in größeren Mengen hergeftellt werden konnte, dann aber am Ende
des 16. Jahrhunderts wieder völlig verfchwunden zu fein fcheint, wohl eben, weil
es kein echtes war und darum fich in der Praxis kaum bewährt haben wird. Das
Problem der Nacherfindung des chinefifchen Porzellans war damit Europa von neuem
gegeben.
Über dies damalige Porzellanfurrogat Italiens find wir ausgezeichnet unterrichtet
durch das treffliche, fchon im Jahre 1882 erfchienene Werk Davilliers.* Er hat in
diefem alles zufammengetragen, was fich über dies Erzeugnis hat feftftellen laffen,
daneben eine ftattliche Anzahl von Stücken abgebildet, die uns über die künftlerifche
Erfcheinung dcsfelben völlig aufzuklären vermögen. Nur einer Frage ift Davillier
merkwürdigerweife noch ganz aus dem Wege gegangen: der nach dem Verhältnis
diefer Erzeugniffe zu ihren urfprünglichen Vorbildern, den chinefifchen Porzellanen,
wie weit fie diefe in der äußeren Erfcheinung erreichen, wie weit und ob überhaupt
ihre Ornamentierung mit der der damaligen chinefifchen Porzellane übereinftimmt.

' Siehe: E. Zimmermann, Chinefifches Porzeiian, feine Gefchidite, Kunft und Technik. 1913.
1. Bd., S. 72.
3 Siehe: Daviiiier, Les origines de la porceiaine en Europe. 1882, S. 25.
s Ich möchte bei diefer Gelegenheit noch einmal, wie ich es bereits an mehreren Stellen getan
habe, den Vorfchlag machen, in Zukunft nun auch in kunfthiftorifchen Arbeiten jene „Porzellane",
die, wie das oben genannte, kein echtes Porzeiian, fondern nur eine unvollftändig gefchmolzene
Glasmaffe (Fritte) darftellen, alfo die ,,Porzellane" vom Medici- bis zum Sevresporzelian ufw. nicht
mehr als Weidiporzellane, fondern nur noch als Frittenporzellane zu bezeichnen. Unter
Weichporzelianen verfteht die keramifche Technik fchon feit langem ein völlig echtes kaolinhaltiges
Porzellan, deffen Kaolinzufat; nur geringer ift im Gegenfa§ zum fogenannten Hartporzellan,
das eben bedeutend mehr Kaolin enthält. Infolge des geringeren Kaolingehaits wird erfteres
naturgemäß fchneller weich im Brennofen als letzteres, von welcher Eigenfchaft es eben feinen
Namen Weichporzellan erhalten hat. Diefer abweichende Gebrauch des Wortes „Weichporzellan"
in tedmifchen und kunfthiftorifchen Schriften hat bisher fchon zu ganz argen Verwirrungen geführt
und trägt nicht gerade zum Verftändnis diefes an fich fchon recht fdiwierigen Gebietes bei. Er
erinnert ftark an die große Unklarheit, die einftmals hinfidrtlich der Bezeichnungen Steingut und
Steinzeug beftand, die glücklicherweife je§t wenigftens bei Fachleuten befeitigt ift.
* Siehe Anm. 2.

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