Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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Darlegungeu bis jetzt kenneu gelernt haben, so bliebe fnr diese Bücherei
doch noch die große Aufgabe der Kenntnisverbreitung, der Erkenntnis»
vertiefung, der Denkschulung, wie sie zur Fortführung und Weiterbildung
unserer modernen Arbeitsleistung in Werkstatt, Schreibstube, Verkehr und
öffentlichem Leben notwendig sind. Mit „Volksbildung" im Sinne eines
letzten und höchsten Ideals menschlicher Bildung hat auch das unmittelbar
nicht viel zu tun, wohl aber, ähnlich wie Lese-, Schreib- und Rechen-
unterricht in der Volksschule, mit unserm gesamten wirtschaftlichen und
bürgerlichen Dasein. Was hier die volkstümliche Bücherei in ihren Ab-
teilungen Handel, Verkehr, Handwerk, Technik, Naturwissenschaft, Länder-
und Völkerkunde, tzeimatkunde, Rechtswissenschaft, Staatswissenschaft, So-
zialwissenschaft, Volkswirtschaft leisten kann, das ist gar nicht hoch genug
anzuschlagen. Schon für diese weiten Gebiete kann den Zroßen Massen
gegenüber sie allein die Arbeit der Volks- und Mittel-
schule fortsetzen. Schon hier kann sie bei voller Durchbildung und
Verlebendigung ihrer Arbeit, durch Bücherauswahl, Musterkataloge, Bü-
cherlisten und Führer, durch Auskunft, Beratung und Förderung des ein-
zelnen, zum Mittelpunkt aller dieser Fortbildungsbestrebungen wer-
den. Aber schon hier wird ihre Aktivität, ihre volle Leistungsfähigkeit
schwer gehemmt werden, wie sie zugleich eine Anstalt für einen endloseu
Massenbetrieb seichter Unterhaltungsschriften sein soll.

Und doch tritt diese Aufgabe der positiven Volksbelehrung und Auf-
klärung an Bedeutung sowohl wie auch an Umfang noch zurück hinter der
anderen der Seelen-, Gemüts- und Phantasiebildung des
Volkes. Denn ist es auch notwendig, dilettantischen Weltverbesserern gegen-
über daran zu erinnern, daß neben Goethe und Schiller immer die Iffland
und Kotzebue gestanden haben, ebenso wichtig ist es, sich gegenüber vor-
nehmer Skepsis und blasiertem tzochmut bewußt zu bleiben, daß neben Iff-
land und Kotzebue eben doch auch Schiller und Goethe standen, und daß
jederzeit neben den Anbetern der Mache, der Gefühlsverlogenheit und
der Sensation die „Gemeinden" standen, die in Dickens und Raabe, in
Gottsried Keller und Adalbert Stifter, in Gustav Freytag und Theodor
Storm die Bestätigung ihres eigenen Wesens erkannten und liebten. Rnd
es wäre eine Bankerotterklärung und eine Vermessenheit ohnegleichen,
sagen zu wollen, daß das alles der Vergangenheit angehöre, daß die
Dichter und Verkünder der Menschlichkeit, der Tüchtigkeit, der Echtheit
und der Natürlichkeit auf kein Ohr, oder vielleicht unter tzunderttausen-
den nur hin und wieder auf eins rechnen könnten. Wenn wir auch mit
Grauen im tzerzen erkennen müssen, wie sehr durch die kapitalistische, tech-
nisch-industrielle Entwickelung das tzeer der armen Seelen, die nichts
sind, wenn sie nicht durch ein großes Ganzes gehalten werden, angewachsen
ist, so wissen wir doch auch, daß derartige soziale Revolutionen und Am-
schichtungen, daß der Wegfall alter sozialer und geistiger Bindungen wie
für die einen den Verfall, so für den anderen den Anfang eines neuen
geistigen Daseins, eines Eigenlebens, einer Entfaltung selbständiger posi-
tiver Seelen- und Geisteskräfte bedeutet. So sehr sich in der erschütterten
Welt die Dinge auf den Kopf stellen — „das gute Blut, das nie verdirbt,
geheimnisvoll verbreitet", dieses gute rote Blut, von dem der große Dich-
ter und der große Volksmann Gottfried Keller singt, es bricht bei jeder
neuen Gestaltung der Weltverhältnisse hervor, es kreist auch in unserm
Volke noch. im Bürgertum und in der Arbeiterschaft, — seine Träger sind

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