Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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aus modernen Partrturen dem Bühnenwerk voll gerecht werden kann,
lohnt sich doch das Studium für jeden Musikfreund. Einige der schönsten
Auftritte des reichen Werkes lernt man sogar durch Versenkung in den
Auszug durchaus gut kennen. K.-L.

Frau von Stael

Hundert Zahre nach ihrem Tod

^W^er bekannte Stich nach Gerards Bildnis zeigt Frau von Stael de-
^-H^kolletiert) mit üppigen Schultern, Armen, Brüsten. Das Gesicht ist
voll, die Züge sind angenehm, nur etwas männlich) die schwarzen
Augen schöN) klug und sehr energisch. Ein unbestimmter Eindruck drängt
sich sofort auf. Der Turban auf ihren schwarzen Ringellocken gibt ihm
bestimmtere Richtung: orientalisch sieht sie aus, erne Sultanin.

Sultanin ja, aber nicht Odaliske eines tzerrn, sondern selber Herrin,
eine, die selber das Schnupftuch werfen, selber gebieten wollte, über Staaten
und tzerzen. Lange hat sie auf den einen Mann geharrt, von dem sie
träumte, für den sie ruhmgierig war, um ihm allen Ruhm zu Füßen zu
legen. Sie fand ihn nicht, nicht im Baron Stael, dem man sie jung ver«
mählte, in keinem ihrer Anbeter, auch nicht in Benjamin Eonstant, mit
dem sie viele Iahre die Kette eines Verhältnisses schleppte, unter dem
beide stöhnten, auch nicht in der zweiten, heimlichen Ehe, die ihr ein
spätes Glück bescherte. Vielleicht ist sie ihrem Mannesideal in der Wirk-
lichkeit begegnet, doppelt sogar. Aber das eine Mal war es in ihrem Vater
verkörpert. Das andere Mal in dem Sieger von Arcole und Rivoli, dem
sie mit den Damen von ganz Paris nachlief. Der Glanz des Vaters, den
sie vergötterte, tat ihr wohl; an den Huldigungen, die am Vorabend der
Revolution Necker als den erhofften Retter aus Not und Verwirrung
umjubelten, konnte sie sich berauschen. Die Erfolge Bonapartes taten ihr
weh von dem Augenblick an, wo er sie zurückstieß wie die übrigen Musen
und Egerien, die ihn belagerten. Gewiß wurzelt ihr tzaß gegen Napoleon
nicht bloß in verschmähter Liebe und enttäuschtem Ehrgeiz, im Arger, daß
er nicht die ebenbürtige Ausnahmefrau in ihr ahnte, CLsar seine Kleopatra.
Aber da sie Weib genug war, um Sachliches von Persönlichem nur schwer
sondern zu können, verschmolz ihr alles, was sie gegen ihn auf dem tzerzen
hatte, in dieselbe Leidenschaft, die die große ihres Lebens wurde. And
je höher er stieg, desto unbezähmbarer wuchs in ihr mit dem Abscheu vor
seinem Despotismus die Freiheitsliebe, die sie zur Mahnruferin und Rache-
furie Europas machte, die ihr die Kühnheit lieh, dem napoleonischen
Frankreich auf dem Gipfel seiner Triumphe Deutschland in seiner tiefen
Lrniedrigung entgegenzuhalten als ein Bild, das Napoleon brandmarken
und Frankreichs Gewissen aufrütteln sollte.

Die Feindschaft zwischen Napoleon und ihr, das ist in ihrem Dasein die
wichtigste Tatsache. Unter ihr litt sie und ihr verdankte sie die stolzesten
Stunden: verbannt, fern von den Pariser Salons, sie, die den Genfer See,
die Alpen gleichgültig betrachtete wie jedes Naturschauspiel, entsetzlich ge-
langweilt, sobald nicht Menschen um sie waren, ein erlesener Kreis, der
ihrem unvergleichlichen Plaudern lauschte; polizeilich überwacht, auf frem-
der Erde irrend, von mehr als einem Freund verleugnet, sie, die niemand
verleugnete, zerrissen von der Sehnsucht nach Napoleons Sturz und der
Angst vor Frankreichs Zerschmetterung; aber zugleich gehoben durch Na-
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