Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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Die Kugelgestalt der Erde und der Weltfriede

^^m Laufe des zwanzigsten Iahrhnnderts beginnt die
^MLrde Kugelgestalt anzunehmen; bis dahin war sie
^^eine Scheibe." Mit diesen Worten griff ein junger Mann in
dte Wechselrede über den immer noch verschobenen Weltfrieden ein. Die
erstaunten Blicke, welche der Friedensfreund mit seinem Gegennber) dem
„ewigen Krieger", wechseltei beirrten ihn nicht. „Sie werden mir doch
zugeben, daß die Völker des Altertums nur auf einer Scheibe wohnten."

„Die Astronomen und Geographen haben uns doch eines Besseren be-
lehrt; was soll also das paradoxe Zurückgreifen auf überwundene Welt-
anschauungen?" so scholl es dem unvorsichtigen Sprecher entgegen.

„Nicht so überwunden, wie Sie glauben! Die Gelehrten haben die
Kugelgestalt nachgewiesen, aber die Völker lebten dennoch auf einer Kreis-
scheibe. Der Orbis terrarum war nicht nur eine astronomische Vorstellung
und ein religiöser Glaube, sondern vor allem politische Wirklich-
keit. Auf diese Gestalt der Erde, auf den Erdkreis war das ganze Dasein
der Völker eingestellt; und Zweifel herrschte nur darüber, wo denn zwischen
den Säuleu des tzerkules und dem fernen Osten der Mittelpunkt dieser
Scheibe zu suchen sei; ob der Nabel der Erde, der Omphalos Gaies, die
Insel Delos sei, oder Babylon oder ein östliches Paradies und zu anderen
Zeiten ob Ierusalem oder Byzanz."

„Iunger Mann", warf der Kriegerische ein, „ich beginne zu verstehen;
Sie meinen, nicht was einzelne Gelehrte in stiller Stube als wahr er-
kennen, regiere die Welt, sondern vielmehr die Vorstellungen, welche in
den Köpfen der Menge leben. Bei allem notgedrungenen Respekt vor dem
Aberglauben der großen Menge — Ihre erstaunliche Entdeckung, daß die
Erde erst nach dem Iahre jZOO die Kugelgestalt angenommen habe, leidet

r. Iuliheft ,9,7 (XXX, 2»,
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