Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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Durninheit, lautet eine der grüblerischen Frechheiten, in denen er sich
gefiel. Der Schuß fehlt ihm. Und wenn er sehen könnte, was man an»
stellt, um ihn an seinem 50. Todestag zu ehren, und wie man ihn in
billigen Ausgaben druckt, um ihn ins Volk zu bringen, würde das trau«
rige, abweisende Lächeln, das auf allen Bildern um seinen Mund spielt,
nur noch herber zucken. Hanns Heiß

Carl Sternheim

uf der großen Woge der jüngsten Revolution des Schrifttums, mag
Z man sie nun Expressionismus oder sonstwie taufen, ist Carl Stern»
^M^heim an sichtbarster Stelle mit emporgekornmen. Ich halte das für
ein Mißverständnis. Er ist weder „brüderlich", noch „fromm", nicht „lobt
er Gott" oder „liebt er die tzeimat der Welt^, keineswegs „betet er die
Wunder der einfachen Seele an" oder hat er in sich ein „heißliebendes
Denken der Welt"; es wäre lächerlich, ihm nachzusagen, daß seine Kunst
„ein intensiveres, edleres, besseres Sein erkämpfe", noch lächerlicher, sein
Ich sei „Lyriker, ausschweifender Pantheist, Transfusorientier«. Keins der
Programmworte der Iüngsten ist auf ihn anwendbar, und mit den stär«
keren Talenten unter ihnen hat er kaum etwas gemein. Nur eins viel«
leicht: eine gewisse zur Schau getragene Abschätzigkeit gegenüber den so-
genannten „psychologischen" oder „sozialen" Problemen. Es ist eigentlich
nur eine Frage der Zeit, wie lange er noch als Führer der ganzen neuen
Richtung mißverstanden werden wird.

G

Hf ^it einem Drama „Don Iuan", das die beliebte Iugendsünde des Lite-
^^raten in Reinkultur war, begann Sternheim; mit einer sehr verdünn-
ten tzofmannsthaliade „Alrich und Brigitte" überzeugte er Andre und
wohl auch sich, daß er zu lyrischen Ergüssen nicht begabt war. Dann be-
gann er Komödien „Aus dem bürgerlichen tzeldenleben^, von denen man
sich aus Aufführungen an „Die tzose", „Die Kassette", „Bürger Schippel"
erinnert; zu ihnen hat sich „Der Kandidat" gesellt. Redlich bemüht sich
Sternheims Verkünder, Franz Blei, nachzuweisen, daß diese Stücke keine
Satiren seien. In der Tat sind es nur spottreiche Grotesken. Deutlich
ist überall das Bemühen, Lachwirkungen, oft trivialster Art, zu erzielen,
deutlicher, als daß man an hoheitvollere Absichten glauben könnte. Stern-
heims Stücke haben freilich eigne Züge: eine meist ganz knappe Sprache,
eine Manier der bloßen Andeutung durch Wort, Gebärde, Szene; wohl-
tuend stechen sie ab gegen die Redseligkeiten Wedekinds, dem Sternheim
in seinem tzaß gegen die Bürgerlichkeit und seiner Gestaltungsweise sonst
überraschend nahesteht; aber es fehlt ihnen auch irgend etwas, was Fülle
heißen könnte. Mühsam konstruierte, mühsam auf mehrere Akte gedehnte
Motivchen, eine einfallarme Auftrittbildung, ein kärgliches Zehnmalwie-
derholen derselben Witzchen und Charakteristiken. Zur Komödie größeren
Stils aber fehlt ihnen Menschlichkeit. Sternheim hat kein Lächeln, kein
Lachen. Er hat Intellekt und jenes knabenhafte Sich-ärgern am „Bürger",
das am Anfang der ewigen Rnfruchtbarkeit des Astheten steht. Er ist
nicht die überlegene Natur, nicht der Kopf, nicht der Geist, das Bürgertum,
als welches immerhin ein Stück Volk von Umfang und Bedeutung ist,
auch nur zu verstehen, geschweige es dichterisch zu überwinden. Blei
schreibt in seinem drolligen Vuch über Sternheim da ein paar sehr ver-

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