Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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größere Einheitlichkeit! Aber ist Einheitlichkeit denn wirklich das höchste
Gut? Gerade aus jenem Dualismus erwächst der deutschen Art jene tiefe
Problematik, die sie die Welt reicher, vielfaltiger, die sie unendlich sehen
läßt. ^

^>ur wenige, aber wichtige und markante Züge konnten hier hervor«
^^gehoben werden. Sie dürften genügen, um die deutsche Art als
eignen Charakter und eignen Stil zu kennzeichnen, die sich scharf ab-
heben von denen andrer Völker. Leider aber beweist die Geschichte, daß
diese, an unsern Besten sich offenbarende Eigenheit nur selten in ihrer
ganzen Größe und Stärke erkannt und gewertet worden ist. Wo man
Versuche der Art gemacht hat, wie in der Romantik, hat man die deutsche
Eigenart ins Sentimentale und Schwächliche entstellt. In der Regel
jedoch wurde als Maßstab für die Wertung deutscher Kultur die möglichste
Annäherung ans Klassische gesehen. Das Ausland ist da einmal ge-
rechter: es schäßt den Faust höher als die Iphigenie. Für uns aber
kommt es darauf an, daß wir lernM. jenseits aller wechselnden Zeitmoden
einen deutschen Charakter als einheitliches und durchgehendes Phänomen
zu erkennen, und zwar nicht unter „gemütlichen^, sentimentalen Gesichts-
punkten, sondern unter solchen, welche die stolzeste Eigenart der Besten
unsres Stammes ausmachen. Daß der simple, verschlafene und nur selten
sich aufrüttelnde „deutsche Michel" als typischer Vertreter unsres Volkes
gilt, ist nicht nur schädlich und entwürdigend, es ist auch falsch. Was
uns nottut, ist eine typische Vorstellung vom Deutschen, die ihn nicht
gutmütig ins Lächerliche verzerrt. sondern die auch seiner Größe und
seiner Stärke so gerecht wird, wie er es nach Ausweis einer sachlichen
Wertung verdient. Richard Müller-Freienfels

Buch, Volk und Bücherei

V

^W^ie Erscheinung der Talmi« und Pseudo-Literatur ist so alt» wie die
^H^Entwickelung der modernen Gesellschaft selbst. Als an Stelle ein«
beitlicher Volksgemeinschaft und einheitlicher Volkskultur das indi«
vidualistisch strebende und in viele Interessenrichtungen auseinander-
gehende Publikum der modernen Gesellschaft trat, da mußte auch der
Sänger der Volksgemeinschaft abgelöst werden durch den individualistisch
produzierenden Schriftsteller. Auf sich allein gestellt, war er nun genau
so viel, wie seine eigene Stärke oder Schwäche ihm zu sein erlaubte, als
Produzent für das Publikum wurde er der Sklave aller der Ansprüche,
Launen und Zustände dieses Publikums. Damit wurde die Entwickelung
der Literatur zu ihren höchsten Gipfeln, zu ihren mannigfaltigen wunder-
baren Gestaltungen, aber auch zu allen ihren Verwilderungen und Ver-
wässerungen, Verbildungen und Geschmacklosigkeiten ermöglicht. Schon das
sechzehnte Iahrhundert hatte seine geistesverwirrenden Ritterromane, und
die hohe Zeit des deutschen Schrifttums ist alles andere gewesen, als eine
Zeit allgemeiner Verlebendigung und einer Erhöhung wenigstens des lesen-
den Teiles der Nation im Geiste der Großen von Weimar. Beben Schiller
und Goethe standen Iffland und Kotzebue, und der Spielplan der Wei-
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