Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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von welchem mindestens die tzauptstraßenzüge aufzumessen waren. Mehr-
kosten gegenüber dem ungenügenden Plan wären kaum entstanden, man
kann auch den Plan vervielfältigen lassen und so einzelne Exemplare zu
Numerierungsplänen, Kanalisations-, Gas- und Wasserplänen, Planver-
zeichnis der Gaslaternen usw. benutzen. Außerdem werden solche Pläne
in der Verwaltung täglich gebraucht, eventuell auch von Privatleuten gern
gekauft, es ist also klar, daß hier ordnungsmäßige Arbeit mit den-
selben Mitteln geschaffen werden konnte.

Die Stellung des meist allein sachverständigen Kom-
munalbaumeisters, zumal wenner nur beratende Stimme
hat, genügt also nicht. Er kann nichts erreichen. Alles Studieren
des einschlägigen Materials, aller Besuch der an den einzelnen Hoch-
schulen eingerichtetenSeminare fürStädtebau, alles, alles muß denInter-
essen weichen. Oft entscheidet in kleineren Verwaltungen der seit Iahren
bestehende „Klüngel" allein, mag der Baumeister einwenden was er will.

Anders würde das sein, wenn der Baubeamte der Stadtvertretung
gegenüber ein gleichberechtigter Faktor wäre, ohne dessen Zustim-
mung der Stadtplan nicht festgelegt werden könnte.

Zwar ist nach dem Gesetz die „Mitwirkung" des Baubeamten erforder-
lich, bei der gänzlichen Abhängigkeit des Technikers ist aber diese Vor-
schrift ohne praktischen Wert. Insbesondere können Baubeamte mittlerer
Städte erzählen von Fehlern in Bebauungsplänen, welche siv des lieben
Brotes wegen mit ihrer eigenen Unterschrift haben „beglaubigen" müssen.

Viel mehr erreicht würde meines Erachtens auch, wenn die Revision
der Bebauungspläne überhaupt durch besondere Städtebauer erfolgte.
Diese würden auch den Planaufsteller besser beraten können, als dieses
heute meist durch die Bauabteilungen der einzelnen Regierungen geschehen
kann.

Wenn man uns die im öffentlichen Interesse erforderliche Freiheit
nicht zugestehen will, so mag man uns auch mit Klagen über schlechte
Bauten und Bebauungspläne usw. verschonen.

Wenn der Staat selbst in wichtigen Sachen Laienarbeit vorziehit,
so machen wir pflichtgemäß als Fachleute auf diesen Mißstand aufmerk-
sam, ändern können wir ihn nicht. Den Fachmann nur der Form
wegerr zu fragen, ist verletzend für ihn und ohne Sinn.

tzoffentlich greift die bevorstehende Verwaltungsreform auch hier hel-
fend ein. Müller-Olpe

Die Lage der Ethik in unserer Zeit

^^n einem durch seinen Scharfsinn und durch seine Unzulänglichkeit gleich
^t fesselnden Buch, in I. M. Robertsons Abhandlung „Patriotis-
^Dmus - Militarismus — Imperialismus", findet sich folgende Stelle:
„Deutschland ist noch, alles in allem genommen, die auf der höchsten Bil-
dungsstufe stehende Nation, und seine Schriftsteller haben in der Ver-
gangenheit einen großen Einfluß auf das moralische Urteilsvermögen des
ganzen Europa ausgeübt. Kant, Schiller, tzerder, Goethe, die beiden
tzumboldt, tzerbart, Richter, Fichte, Fröbel, Schleiermacher, Raumer, Feuer-
bach, Gervinus, Vogt, Bluntschli, Marx, Lassalle, Wagner, Freiligrath,
tzeine — : alle diese, um keine anderen zu nennen, hatten jeder auf seine
besondere Art und Weise einen spezifisch moralischen Einfluß in Europa,

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