Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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crb. Wer über das unerhört Neue, über das vollkommen Angewohnte
dreses kühnsten aller „Würfe" der modernen Kunst erst nicht mehr be»
fremdet, wer in das Innere des Ganzen eingedrungen ist, der erlebt
dieses Werk im Tiefsten erschüttert, als säh er körperhaft vor sich eine
apokalyptische Vision, die doch von jedem Zerrbild frei ist. Dabei ist alles
ferngehalten, was Illusion rm niedern Sinn, also TLuschung fördern
könnte, alles, sagen wir, was auf Wirtz hinginge. Die Teilung des
Raums, die Predella, die plastischen Gestalten dienen gerade dem Heraus«
heben aus der Wrrklichkeit. <Ls ist eben der Olymp, von dem der
Donner der Götterdämmerung zu uns herüberrollt. Und Llles ist traum»
haft.

Österreichische Nornane und Novsllen

^^n deutscher Sprache haben wir ein einziges geschlossenes, „schönes"
^TSchrifttum, das einerseits ästhetische Werte enthält, anderseirs aber
^-^tiefe Aufschlüsse über den geographischen Naum und die Lebensord-
nung der Bewohner des Raums erteilt, dem es entstammt. Dieses Sonder-
schrifttum ist das schweizerische (vgl. meinen Aufsatz „Prosadichtung aus
der Schweiz/^ rm zweiten Februarheft dieses Iahres). Zwar fehlt es uns
darüber hinaus gewiß nicht an soziologisch gehaltreichen Prosadichtungen
und -schriften aller Art. Man kann deren große Masse sogar recht gut
gruppieren nach dem Naum ihrer tzerkunft. Bayrische, alemannische,
nordwestdeutsche, ostdeutsche, berlinische, münchner Literaturgruppen heben
sich deutlich genug voneinander und vom allgemeinen Schrifttum ab. Aber
das bestimmte Gerüst einer besonderen Lebensordnung weisen sie nicht
auf, denn aller Reichsdeutschen Lebensordnung ist schließlich heute doch
verankert nicht mehr im Lebensraum der bestimmten Stammeseinheit
oder des bestimmten Bundesstaates, sondern in den Einrichtungen und
Äberlieferungen des Gesamtreiches; das, was — soziologisch gesehen —
ein Werk der alemannischen Gruppe von einem der ostdeutschen scheidet,
ist nicht tiefstes Anderssein der wesenbestimmenden Lebensordnung, son«
dern Andersverlaufen des Erlebnisses vielfach einander doch wiederum
sehr ähnlicher Daseinsfragen und Geschicke. Daneben steht das Schrift-
tum, das nicht bayrisch, hessisch, alemannisch oder sonstwie bestimmt ist,
sondern nur reichsdeutsch schlechthin — in ihm aber vermissen wir, von
wenig Ausnahmen abgesehen, noch immer solche Schriften, die das Wesen
reichsdeutscher Lebensordnung scharf Herausprägen. Das mag nun mit
dem innersten Wesen der bedeutendsten lebenden Dichterpersönlichkeiten,
mit einem allgemeinen Zuge des dichterischen Schaffens oder mit der
ungeheuren Schwierigkeit der Aufgabe erklärt werden, die Tatsache dürfte
kaum zu bestreiten sein.

Die größte, in einigen tzauptzügen noch als Einheit erkennbare
Gruppe von dichterischen Werken deutscher Zunge ist die österreichische.
Dutzende von bekannten Schriftstellern sind ihre Verfasser, tzunderte von
Werken bilden ihren Bestand. Ihrem Typus nach gehört sie aber in
eine Reihe mit der reichsdeutschen, nicht mit der schweizerischen. Es ist
nachdrücklich zu betonen, daß kein einziges ihr angehöriges Werk, daß
nicht einmal eine Auswahl von Dutzenden der bezeichnendsten davon das
vermittelt, was wir ein „Bild Österreichs" nennen könnten. Der Grund
dafür liegt wohl kaum darin, daß die deutsch-sprachigen „im Reichs-

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