Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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Palestrina

MustkaUsche Legende von Hans Pfitzner

^i^as Kunstwerk emes Deutschen für Deutsche. Ein Musikdrama, in
(^M^dern die hohe Inspiration des Dichters die des ihm engstverbunde-
^^nen Tonsehers schier überflügelt.

Wie jede bedeutende, auf gutem germanischem Boden entstandene Schöp-
fung eines hochgemuten Poeten ein Stück Vergangenheit abschließend,
eine Strecke in die Zukunft vorweisend. Des Geistes sehnsuchtsbanger,
schwärmerischer Romantik voll, und mit naiver Freude am Zappelnden,
Kreischenden, sich schnörkelhaft Windenden verschrobene Züge der Mensch«
heit unbarmherzig festnagelnd. Demütig gottsucherisch und selbstbewußt.
Feuertrunken reiche Kunstmittel steigernd und ängstlich Strich um Strich
aussparend. Zu hoher Vollkommenheit reifend und dann wieder fast
hilslos weitertastend. Auf Fittigen eines bunten Märchenvogels über
alles irdisch Begrenzte hinschwebend, mit einer Notlandung auf den Bo«
den des sestgegründet Geschichtlichen zurückkehrend. Wundersam verson«
nen, wirklichkeitsfroh und ein bißchen doktrinär. Sich zu einem erstaun«
lichen Gipfelpunkt erhebend, den erreicht zu haben dauernden Ruhm ver«
bürgt, den nur einmal erklimmen zu können für den rastlos Strebenden
zum Martyrium wird. Resigniert im Ausklange. Die von wechselnden Lich-
tern umzitterte Tragödie des Schaffenden. Ein weihevoller Tempel, den
tzans Pfitzner seinem Genius errichtete — bereit, weiter zu leben, zu lie«
ben, zu leiden, doch mit männlicher Ruhe gen Sonnenuntergang schauend.

„tzoch Palestrina, der Retter der Musik!" ruft das Volk am Schlusse
des Spiels. Nun ja, die Kunst hat tausendfachen Tod erlitten und ist
tausendmal wiedergeboren worden. Bei dem Einen, der, etwas ersinnend,

würde er uns alle sicherstellen. — Eins aber vergißt Otto: einen Weg anzu-
geben, wie wir zu dieser idealen Wirtschaft kommen können! Dies finden
wir heute so oft, daß jemand irgendein Schulsystem, ein Wirtschaftssystem,
einen Eisenbahnwagentyp, eine Verfassung sich ausdenkt; dann beweist er
erstens, daß sie viel Vorteile habe, zweitens, daß sie nicht undurchführbar sind.
Er beweist das wirklich, unwiderleglich. Aber er gibt nicht an, was man
tun könne, um das Durchführbare nun wirklich zur Durchführung zu brin--
gen. Auch Otto unterläßt das. And so bleibt sein Buch eben — ein Buch.
Ein paar hundert oder tausend Menschen werden es lesen, einige es verarbeiten
und daran glauben, zumal es kinderleicht verständlich ist. Und selbst wenn
dies ern paar hunderttausend wären — noch immer wäre damit nichts ge-
wonnen, außer einer recht nützlichen wirtschaftswissenschaftlichen Belehrung
vieler, die allerdings in diesem Buch mit viel politischen, sozialphilosophischen
und soziologischen Oberflächlichkeiten verknüpft ist. And doch will Otto im
Grunde offenbar wirken, nicht nur lehren. Er glaubt, durch klärliche
Darlegung zu wirken; man könnte das die Politik der Aufklärung nennen.
Diese hat ihren guten Sinn, je mehr Wirkliches, Bestehendes sie durchsichtig
macht. Aber, bezogen auf ein Zukunftsshstem, hat sie schwere Bedenken gegen
sich. Die „Rechenwirtschaft" mag gut sein, aber wer sie predigt, ohne wirk-
same Maßnahmen zu ihrer Durchführung zugleich zu predigen, vielleicht gar,
ohne solche zu wissen, der wird von politisch Denkenden nicht ohne Grund
den Vorwurf ernten, ein vielleicht anregender und geistvoller, aber doch ein
Schwarmpolitiker zu sein. K.-L.

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