Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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Sinn für neutrale, sachliche „Politik der Kulturmittel" geweckt, dann wird
auch die Wissenschaft nicht zögern, ihn zu befriedigen. Kann sie auf Ver-
ständnis und Widerhall rechnen, dann wird sie, den Spuren von Kant
und Fichte nachgehend, sich wieder über das Gebiet der reinen Tatsachen«
welt hinauswagen in die freiere Welt des Sollens, in das Hochgebiet der
praktischen Vernunft. Benno Iaroslaw

Zu Baudelaires Gedenktag

^^n Frankreich wurden ^837 zwei große literarische Sittlichkeitsprozesse
^^verhandelt: gegen Flauberts Roman „Madame Bovary" und gegen
^FBaudelaires Gedichtband „Les Fleurs du Mal^. Flaubert wurde frei«
gesprochen, Baudelaire zu einer Geldbuße verurteilt und sein Buch ver--
stümmelt. Baudelaire war damals 36 Iahre alt und wenig bekannt. Die
Verurteilung hätte ihn vielleicht reich und berühmt machen können. Er
war zum Glück nicht Geschäftsmann genug, um seine Anrüchigkeit aus-
zubeuten. Nur fehlten ihm zum Unglück auch andere, begehrenswertere
Eigenschaften. Sein Leben ist eine solche Kette von Mißgeschicken, daß
es den dankbarsten Stoff für Traktätchenschreiber abgibt, die der heran«
wachsenden Iugend an einem erbaulich abschreckenden Beispiel den Nutzen
des Fleißes, der Ordnung, der Nüchternheit und eines moralischen Wan-
dels vor Augen führen möchten. Wie ein Mühlstein hingen ihm die
Schulden um den Hals, die er sich in ein paar leichtsinnigen Iahren auf-
geladen hatte. Mit den äußeren Schwierigkeiten häuften sich die inneren:
Niedergeschlagenheit, Entmutigung, die Ohnmacht, sich aufzuraffen. Ein
oberflächlicher Betrachter kann von den Ausschweifungen reden, die ihm die
Nerven zerrüttet, Willen und Schaffenskraft gebrochen haben. Aber die
Wurzel liegt tiefer, und die Ausschweifungen verraten nur, wie hilflos
er von Anfang an dastand, unfähig, über sich zu herrschen, noch unfähiger,
zu kämpfen, und wie verzweifelt er nach Mitteln suchte, um der Verzweif-
lung zu entrinnen. Seine Briefe und Auf-eichnungen melden erschütternd,
was er litt, unter welchen Oualen er sich, körperlich und seelisch krank, in
dem Netz abzappelte, in das er verstrickt war, bis ihn im März M6 ein
Schlaganfall niederwarf. Lähmung, Gehirnerweichung; aber er mußte
weiter vegetieren. Erst am 3^. August M7 durfte er einschlafen.

Wir haben ein Buch über die Weltliteratur im 20. Iahrhundert, von
einem klugen und vielbelesenen Deutschen verfaßt, das Baudelaire mit
Schweigen abtut. Das ist ungefähr so, wie wenn ein Franzose von neuerer
Philosophie berichtete, ohne auf Kant einzugehen. Kreuz und quer laufen
die Wege in der modernen Kunst durcheinander. Aber man mag zurück-
verfolgen, welchen man will, fast immer wird man auf Baudelaire stoßen.
Was die Menge heute noch an der Salome oder Elektra eines Richard
Strauß fremdartig und unangenehm berührt, sind Spuren seines Geistes.
Von Baudelaire zehrt ein Aubry Beardsley und zehren alle, die von
Beardsley zehren. In Italien ein Stecchetti und d'Annunzio, rn England
ein Swinburne und Wilde — ohne Baudelaire sind sie nicht denkbar. In
Deutschland ist er wirksam von Stefan George, der uns die schönste Aber-
tragung seiner Verse geschenkt hat, bis zu den Iungen des jüngsten Tages.
In Frankreich — aber wozu einzelne aufzählen? Seine Wirkung ist so
mannigfaltig und verästelt, daß sich ihr kaum jemand in Europa entziehen
kann, auch wer nichts von ihm weiß oder sich gegen ihn sträubt. Aberall
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