Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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und Produktivgenossenschaften müssen von selbst mehr und mehr die vor-
rätigen Tauschmittel in die tzände derer bringen, deren aktuelle Bedürfnisse
sie einem natürlichen Angebotszwang unterwerfen, der einen künstlichen,
wie ihn Gesell vorschlägt, völlig überflüssig macht. Ie mehr aber das Geld
seine Monopolgewalt verliert, desto mehr wird das Interesse des Geld-
besitzers am Substanzwert seines Geldes schwinden, desto näher die Mög«
lichkeit rücken, das Geld vom Golde zu trennen, das es allein noch hindert,
seinen Tauschfunktionen voll und ganz obzuliegen. Otto Lorbach

Vom Heute fürs Morgen

Heimat

Man schreibt uns aus dem Felde:
uf den ausgefahrenen Straßen
mühen sich Soldaten schwerbe»
packt zur Station. Auf den kleinen
Wagen der Feldbahnen hockend, kom«
men sie zu Dutzenden dort an. Trotz
Schweiß und Müde alle mit von
innen her erhelltem Gesicht.

Es sind Urlauber. Wo fahren
sie hin, wenn Du sie fragst? „Nach
der tzeimat!" Alle. Keiner wird sa-
gen: nach Sachsen oder Thüringen
oder Berlin. „Nach der tzeimat!"

Freilich meint damit jeder zuerst
sein Dörfchen, sein Städtchen,
sein Fleckchen Lrde, wo er daheim
ist. Wie viele von ihnen haben vor-
dem das Wort „tzeimat" selbst in
diesem engeren Sinn nicht gekannt
oder nicht kennen wollen! Ietzt aber,
nach all den endlosen, vielen, vielen
Monaten in Galizien, in Flandern,
in Rumänien, in Mazedonien, jetzt
steht ihnen dieses Wort, dieser Be»
griff, Fleisch geworden und wie ein
heiligtum, vor der Seele: „tzeimat".
Welches Weh, welcher Schmerz, wel-
ches Sehnen und welche Freude liegt
jetzt nicht drin!

Aber — und das ist das Eigene,
ist das Lrrungene dieses Feldzuges,
ist die Frucht dieses Wanderns und
Bleibenmüssens auf der fernen er«
oberten Scholle —, neben der unge-
ahnten Tiefe ins Seelische hinein
hat es — sozusagen — auch eine

unbekannte geographische Weite be-
kommen.

„tzeimat" ist nicht bloß mein
Dorf, meine Stadt, mein Land.
„tzeimat" ist den Feldgrauen das
ganze große Deutsche Reich, dies
Deutschland, von dem man wohl in
der Schule sprach und in den Zeitun«
gen schrieb, das aber nur bei weni-
gen bewußt „tzeimat" war.

Fährt heute der Württemberger
von Wilna her über die ostpreußische
Grenze, der Sachse über Brüssel
durch die Rheinprovinz, der Pom-
mer von Mazedonien durch Sach^-
sen, fühlt er sich mit den ersten Me-
tern deutschen Bodens unter den Fü-
ßen schon in der tzeimat. Nicht erst
daheim bei sich, nein, hier schon,
dicht an der Grenze.

Eine Liebe ist sehend geworden
über Nacht. Verborgene Knospen,
denen niemand einen Frühling ver-
sprach, sind herrlich aufgesprungen!
„tzeimat", dies Erkennen, dies Wis«
sen, dies Fühlen und Sehnen, das
es umschließt, ist eine herrliche
Frucht dieses zerstörenden Feldzu-
ges. Und eine, um deren Erhal-
tung man nicht zu bangen braucht.
Denn sie ruht tief eingesenkt in den
tzerzen der Millionen Soldaten, die
sie — in Tod und Wunden — fam-
den, stündlich umträumten und er«
sehnten und für die sich zu opfern
ihnen selbstverständliche Pflicht ward.

<W. F r ö b e

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