Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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daß wir nicht politisch genug sind. fen helfen, der nicht allein auf
Damit wir dies irnmer mehr wer- Schlachtfeldern entschieden werden
den, dafür muß jeder redliche Deut- kann.

sche denken und streben und auf L. M. Arndt im „Wächter". Köln
seine Weise den Kampf durchkämp- tAZ.

Unsre BiLder und Noten

dem Heft, um Max Liebermann zu ehren, eine Studie
^D^von ihm. Unserm Vermerk nach nennt er sie „Iudengasse in
Amsterdam", aber es würde rein gar nichts zur Sache bedeuten,
wenn er sie anders nennte. Die paar Parallelen, die wenigstens die
Richtung des Straßendammes andeuten, sind wieder überzeichnet; die
einzige Gestalt, sozusagen, mit einem Menschengesicht, die Frau rechts,
steht außerhalb des eigentlichen Bilds; von irgendeiner speziellen Charak-
teristik gerade dieses Orts oder gerade dieser Leute ist überhaupt kaum zu
reden. Aber alles ist lebendig. Auf dem Fahrdamm vorn flutet's
von den Menschen, und an den Ständen hinten ist alles irgendwie inter-
essiert. Ie länger wir auf dieses Gewusel von Strichen blicken, desto mehr
daraus bekommt Bedeutung, Beziehung, Eigenwillen, und bald ist nichts
mehr tot und nichts mehr leer. „Ia," antwortet einer: „wenn aber
alles schars gezeichnet wäre, Hätten wir dann nicht noch mehr davon?"
Andres hätten wir davon. Wir hätten davon Gewinn und Verlust.
Gewinn von klaren Aussagen über das Einzelne und die Einzelnen.
Verlust aber an dem, was der Strich Liebermannsches hineinbringt,
und das ist es denn doch, was Liebermanns Bilder wertvoll, was ihre
„Phantasie" ausmacht. Gerade in seiner Sprunghaftigkeit, scheinbaren
Willkür, scheinbaren Launischkeit übermittelt uns ja der Strich fortwäh-
rend den Zustand des beobachtenden Malers. Wir beobachten, erregen
uns, finden, verwerfen, nehmen wieder auf, betonen, wir sehen nicht nur,
wir schauen mit ihm. And das ist es, was solchen Bildern ihren ganz
besondererr Reiz gibt.

Wer mit Karl Thiemanns „Blick ins Tal" der Reihe der vor
dem gelben tzimmel bläulichen Baumstämme langsam folgt und dann
wieder dem lichten Flußgeschlingel drunten, wird auf beiden Wegen zu
den lichten breiten Strahlen von droben geführt. Dann einen schnellen
Aufblick zu den Kronen, und plötzlich „hat" man das Bild. Nun aber
vergleiche man unser Blatt mit der Thiemannschen Dorfstraße im Weih-
nachtshefte von W5 (XXIX, 6). Leider ja: im Vergleiche mit jenem
Bild ist unseres von heute tot. Ilnd das kommt daher, daß wir jenes
andere in einer Art Steindruck wiedergeben ließen und dieses hier in
dem beliebten Vierfarbendruck-Verfahren, das die Welt entzückt. Beide
Originale sind tzolzschnitte, und die Farbenautotypie ist „bekanntlich" „un-
bedingt zuverlässig", „restlos facsimile". Also werden wir uns davor
hüten, solch einen Versuch zu wiederholen.

Die Kopfleiste über der ersten Seite ist ein Ausschnitt aus einem Spiel-
manns-Bildchen des leider gefallenen Franz tzoch.

Als Schlußstück bringen wir diesmal einen neuen, uns besonders an-
sprechenden Schattenschnitt von Georg Plischke, die „Waldpredigt".

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