Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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peinen, den nicht parteimäßig eng gedachten Sozialismus wird er doch
bedeuten, wie noch keine geschehen ist, und die ersten Schritte dieser
Annäherung, das ist es, was wir heute erleben. Ernst Hartwig

Neue Lebensgemeinschaften

^^-^.on Anfang an haben wir uns darüber beklagt, daß unsere Feinde
^M^ihren militärischen und wirtschaftlichen Krieg gegen uns mit einem
^journalistischen begleitet haben, der uns vor der ganzen Welt ver»
ächtlich machen sollte. Wie sehr ihnen das gelungen ist, das haben wir
bitter an der Sicherheit gespürt, mit der sich die Urteile der Welt über
uns in Kräfte gegen uns verwandelt haben. Wir hätten der Macht der
Verleumdung eine solche Kraft nicht zugetraut; wir hätten gedacht, daß
sich doch durch alle Verkennung und Verachtung hindurch unser wahres
Bild geltend machte. Aber die Kunst, der Welt immer wieder dasselbe
über uns einzuhämmern, war zu raffiniert und die beständige Wieder-
holung zu geschickt, als daß nicht auch die wenigen Freunde an uns irre
werden mußten. Wir konnten uns wehren, wie wir wollten: sie maßen
uns immer naiv oder bewußt an ihrem fremden Maßstab, nicht an unserm
eignen; man stellte das Bild unsrer Fehler ebenso zu einem Bilde zusam-
men wie die eignen Vorzüge; man legte in das Wort „deutsch" alles tzäß»
liche und Verwerfliche hinein, und was der Künste noch mehr waren, mit
denen Instinkt und Berechnung uns vor der Welt verhaßt zu machen
wußten.

Prüfen wir aber auch uns selbst! tzaben wir uns immer mit allem
Ernst bemüht, selber von den Leuten im Ausland ein richtiges Bild
zu erhalten und ihnen gerecht zu werden? Dieser Frage öffentlich nach»
zugehn, ist unmöglich, solange der tzaß hindert und man schon jede Frage
der Selbstprüfung mißdeuten würde. Aber zur Erörterung einer andern
Aufgabe liegen die Bedingungen günstiger. Alle ernsten Leute denken
dem Frieden im Innern nach, der nach diesem Krieg ganz anders Gegenstand
unserer Sorge sein muß als vorher. Dabei müssen sie auf die Tatsache ftoßen,
daß wir es unter uns kaum besser gemacht haben, als jetzt die Fremden
gegen uns. Weil wir uns zu kennen glaubten und weil es sich um Dinge
handelte, die uns ganz nahe angingen, haben wir uns „gehen lassen", so daß
es oft war, als sprächen nicht Gegner gegeneinander, sondern als bekämpf-
ten sich Feinde auf Leben und Tod. Aun ist ja leider gar keine Aussicht,
daß solches von Grund aus anders werde; allein man muß doch einmal
der Erscheinung genauer nachgehn, um gleichsam eine Psychologie
des Parteistreites zu gewinnen. Dabei wird sich herausstellen,
daß es eine Reihe von Gewohnheiten und Sünden gibt, die sich ganz harm-
los ausnehmen, aber nun doch einmal aus dem Bösen stammen.

G

Juerst sei auf das „Bur wir" aufmerksam gemacht, das offen oder
Äversteckt) naiv oder überlegt das Selbstbewußtsein der Parteien bestimmt.
Nur wir sind Christen, nur wir sind Deutsche, nur wir haben Kultur, nur
wir sind nötig für das Vaterland. So fängt jede Partei an zu denken
und zu sprechen, sobald sie sich im Kampf gegen eine andre erhebt; sie
hat allein die Wahrheit, sie erstrebt allein das Beste, die andern sind im
Irrtum und Laugen nichts. Das gibt ihrem Aufstieg Schwung und ihrem
Kampfe Kraft. Das würzt die Rhetorik mit Schlagworten, die die Leiden-

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