Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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ausbleiben. Ist auch Duldung der fremden Ansicht mitunter unmöglich
oder sogar anmaßend, so bin ich dem Gegner doch die Achtung seiner Be»
weggründe schuldig und den Versuch, alles Gute an ihm anzuerkennen,
weil es ja sich doch um die Sache und nicht um meine Person handelt.
Wenn ich aber schon beleidigt oder aufgeregt werde bloß durch die ab«
weichende Meinung und ihren Träger, so ist das ein Zeichen einer innern
Ansicherheit, die mir mehr anmir zu tun geben sollte als an ihm. Wieder
ist es eine Befreiung, wenn uns die große Gemeinschaft als die tzauptsache
aufgeht, zu der auch die andern organisch gehören. Mit ihnen sollte mich
der Wunsch verbinden, uns gegenseitig emporzusteigern zu unsrer eignen
persönlichen tzöhe.

Wo dieser Wille zur Wahrheit, zur Sache und zur Gemeinschaft ist, gibt
es soviel Frieden, wie die Welt brauchen und ertragen kann. Immer
größer werden die Lebensgemeinschaften, die er umschließt. Ganz am
Horizont erscheint auch wie ein lichtes tzoffnungsbild die Aussicht, daß ein
solcher Friede, und kein anderer, auch einmal die Völker umschließe. Ietzt
liegen sie in einem harten Lebenskampf — möge er sie alle zwingen, über
die Friedensbedingungen zwischen ihren bis jetzt sich aufs Messer befehden-
den Parteien und andern gegensätzlichen Volksgruppen nachzudenken.

Friedrich Niebergall

Sentimentalität, Nomantik und deutsche Zukunft

^vv^enn man das Ldelste an den Seelenkräften des Menschen nennen
7^/ v ^wollte, so sprach man ehemals von Vernunft, heut spricht man
vom Willen. Wenn man aber schilt, so sagt man — einst und
nun — „Gefühl". Nur Gefühl — darin liegt die ganze Verachtnng des
Tüchtigen, die Verachtung der Klarheit für die Verworrenheit, die Ver-
achtung der Kraft für die Schwäche. Rnd wenn schwärmende Backfische
und ästhetelnde Männlein allein als Sachwalter des verleumdeten Ge-
fühls übrig bleiben — wer möchte da als sein Ritter eine Lanze brechen?

Das arme Gefühl! Das arg verkannte! Amfassender noch als der
Dichter es meinte, gilt psychologisch doch der Satz: „Gefühl ist alles".
Du hast eine Mannestat vollbracht und wiegst dich im Stolze. Nun
geh aber einmal den Seelenweg zurück dahin, wo die Tat noch ein
kleines Kindlein war, wo du noch zweifeltest und erwogst — was trieb
dich denn vorwärts, dich, den noch Schwankenden? And geh weiter
zurück, dahin, wo deine Tat noch ungeboren in dir ruhte — was stachelte
dich denn, daß du zunächst wenigstens ein Lrwäger wurdest? Was störte
den dumpfen Schlaf deines Wollens? War es nicht jedesmal ein Ge-
fühl? And du, stolzer Denker auf deiner eisigen tzöhe, welch Interesse
zog dich unwiderstehlich zu deiner Forschung? And welche „Vorliebe",
welche eingeborene „Neigung", kurz — welches Gefühl ruhte auf seinem
Grunde? Selbst der verstockteste Mathematikus, der in Formeln und
Zahlen schwelgt wie ein Sybarit in Tafelgenüssen, liebt er nicht seine
Wissenschast? Ist es nicht gerade diese Liebe, die einmal vorhandene, die
gar nicht weiter zu begründende, ist es nicht sein seelischer Trieb, sein Ge-
fühl, das ihn treibt und drängt? „Gefühl ist alles."

And doch haben seine Feinde recht: „N ur Gefühl? Gefühl ist nichts!"

Alles Fühlen ist seinem Wert und Wesen nach Äbergang und Anter-
gang. Es will eine Tat erregen — und eine Tat ist auch der Gedanke.
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